Mittwoch, 7. Januar 2009

Der Schatz im Silbersee

Wer über 50 ist, gehört im Internet zur Gruppe der Silversurfer - Noch sind es wenige, bald wird sich jeder um sie reißen

Das Internet hat unser Leben verändert, heißt es. Ein Leben ohne das World Wide Web ist nicht mehr vorstellbar, sagt man. Digitale Informationen begleiten uns stetig, verkündet die Werbung.

Die Realität ist eine andere: Nur wer mit dem Internet groß geworden ist, nutzt es intensiv und selbstverständlich. Die anderen lassen die Finger davon. Zumindest in ihrer Freizeit. 71 Prozent der über 55-Jährigen in Deutschland bewegen sich privat gar nicht oder nur selten im Internet. Das ist ein Ergebnis einer Studie der BAT Stiftung für Gesellschaftsfragen. Bei den 14- bis 29-Jährigen ist es umgekehrt: 71 Prozent nutzen in der Freizeit das Internet mindestens einmal die Woche.

Bisher verändert das Internet demnach weniger den Einzelnen als vielmehr die Gesellschaft, genauer gesagt das Leben der Generationen. Wer dieses Jahr mit dem Studium beginnt, hat ein Leben ohne das Internet nicht gekannt. Die Generation davor hätte die Buchstabenfolge "www" noch für einen missglückten Tastenanschlag auf der Schreibmaschine gehalten. Das Wissen der Welt stand im Eicheschrank des elterlichen Wohnzimmers. Und für diese Generation hat sich wenig geändert, sieht man davon ab, dass der Eicheschrank nun im eigenen Wohnzimmer steht.

Aber was ist mit jenen 29 Prozent der über 55-Jährigen, die mindestens einmal pro Woche im Netz sind? Sie nutzen das Web, als sei nicht 2009, sondern noch immer die 90er Jahre. Wer älter und regelmäßig im Internet ist, schreibt Mails oder surft allgemeine Webseiten an. Das, was das neue Internet ausmacht und gemeinhin als Web 2.0 bezeichnet wird, kennt er nur vom Hörensagen - wenn überhaupt.

Die ARD/ZDF-Onlinestudie ist die größte regelmäßige Untersuchung zum Internetverhalten der Deutschen und sie sagt folgendes: Nur ein Prozent der über 60-Jährigen regelmäßigen Internet-Nutzer hat sich Blogs wenigstens einmal angesehen; nur ein Prozent hält sich zumindest ab und zu in virtuellen Spiele-Welten wie Second Life auf; nur ein Prozent ist in Communities wie Facebook oder MeinVZ immerhin halbwegs aktiv; nur ein Prozent nutzt Fotosammlungen wie von Flickr; nur ein Prozent pflegt Lesezeichen-Sammlungen etwa bei Delicious oder Mister Wong. Lediglich Videoportale wie beispielsweise Youtube liegen mit 9 Prozent jenseits der Nichtbeachtungsgrenze.

"Seit diesem Monat sind wir profitabel", sagt Gerald Unden. Er ist Geschäftsführer von fiftiesnet.de, einer Internet-Plattform, die es nach den Zahlen von oben eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn die Zielgruppe für das Angebot nennt man hier euphemistisch „Bestager“ oder „Silverager“. Dabei ist der Portalname fiftiesnet der einzige Anglizismus auf der Webseite. Chatroom heißt hier Erzählcafe, flackernde Werbung ist nicht vorhanden, der Anmeldeprozess ein Kinderspiel. Die Themen, auf die man klicken und über die man diskutieren kann, heißen "Meine Zukunft", "Gesundheit", "Computer" und "Freizeit".

Noch sind solche Angebote Exoten im Netz. Noch sind die Mitgliedszahlen der Communities dort überschaubar. Doch das Potential ist groß. 40 Prozent der Deutschen sind 50 und älter. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese das Internet mit allen Facetten nutzen werden. Denn die Jungen werden älter, die Bedienung der Computer einfacher; vor allem aber passt das Internet eigentlich viel besser zu den Alten als zu den Jungen. Wer jung ist, geht nach draußen, als Kind zum Spielen, später für Reisen in ferne Länder. Die Alten bleiben zu Hause, sitzen am Küchentisch, liegen im Bett - auf dem Schoß der Laptop. Das Internet ist das beste Mittel gegen die Isolation der Immobilität. In einigen Jahren wird man den Begriff "Internet" nicht mehr als erstes mit „Jugend“ assoziieren. Es wird das Kommunikationsmittel der Alten sein. Es hält sie am Leben, weil es sie im Leben hält.

Die Voraussetzungen für ein solches Leben werden gerade geschaffen: durch die schnelle Datenverbindung. 70 Prozent der Internetnutzer in Deutschland verfügen bereits über einen Breitband-DSL-Internetzugang. Bei den über 60-Jährigen liegt die Verbreitung mit 54 Prozent nicht wesentlich darunter. Unterscheidet man zwischen unterschiedlichen DSL-Leitungen, liegen die Alten bei der schnellen 6-Mbit-Variante mit 27 Prozent Durchdringung sogar vorne. Über alle Altergruppen haben nur 23 Prozent einen solchen Anschluss. "Meines Wissens ist fiftiesnet die einzige nennenswerte Community, die aktuell Geld verdient", sagt Geschäftsführer Unden. Kein Wunder, denn die Statistik sagt auch, dass die Älteren in Deutschland mehr Geld zum Ausgeben haben, als die Jüngeren. Mit gezielter Werbung lässt sich offenbar profitabel arbeiten. Gut möglich, dass die Zeit der Silversurfer gerade beginnt.

Samstag, 3. Januar 2009

Das Auge liest mit

Gelungenes Design im Internet funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Alles oder Nichts

Wer im Internet überzeugen will, dem bleibt die Zeit eines Wimpernschlags: Gelangt man auf eine neue Internetseite, wird nach einer zwanzigstel Sekunde bereits ein erstes Urteil gefällt. "Der erste visuelle Eindruck beeinflusst den weiteren Entscheidungsprozess der Nutzer enorm und kann somit als ein grundlegender Baustein zum Aufbau und Vertrauen in die Seite gesehen werden", meint der Webseiten-Entwickler und Designer Vitaly Friedman.

Das Fundament für den Erfolg einer optisch beeindruckenden Internetseite ist zweieinhalb Tausend Jahre alt. Es stammt von dem Griechen Euklid von Alexandria. Der Mathematiker aus dem 4. Jahrhundert vor Christus hat den Begriff des goldenen Schnitts geprägt. Der besagt, dass die Trennung von Flächen und Geraden immer dann als harmonisch empfunden wird, wenn das Verhältnis fünf zu drei beträgt. Zum Beispiel wirken Landschaftsaufnahmen dann besonders gut, wenn fünf Teile Himmel und drei Teile Erde zu sehen sind. Das Prinzip funktioniert auch im Internet: Eine optische Aufteilung im Verhältnis des goldenen Schnitts lässt eine Seite harmonisch und aufgeräumt wirken.

Grundsätzlich gilt: Das Ordnen der Internet-Seite in inhaltliche Blöcke ist wichtige Bedingung für gelungenes Design. "Studien haben gezeigt", so Friedman, "dass wir Webseiten nicht nach einem typischen Schema scannen, sondern eine Art Zickzack-Analyse nach dem F-Muster durchführen." Das F-Muster meint, dass sich User Internetseiten in der Weise anschauen, dass ihr Augenverlauf den Buchstaben "F" ergibt. Sie scannen zuerst den Kopf der Webseite, anschließend den linken Bereich, dann den Hauptbereich, der oft quer in der Mitte liegt. Auf diese Weise wird sortiert, kategorisiert und anschließend die Entscheidung für die nächste Seitenaktion getroffen.

Um den User auf diesem Weg zu unterstützen, sollten Internet-Seiten in einzelne Blöcke aufgeteilt werden. Denn "bevor ein Benutzer seine nächste Entscheidung treffen kann, muss er präsentierte Inhalte in verdauliche Bruchteile auflösen", schreibt Friedman im "Praxisbuch Web 2.0". Einfaches Mittel um diese Blockbildung zu erreichen: Zwischen unterschiedlichen Elementen einer Seite Abstand halten - der leere Raum als wichtige Design-Regel.

In der Design-Szene spreche man dann von einem gelungenen Design, so Friedman weiter, wenn dieses entweder sofort ins Auge springe oder unsichtbar bleibe. "Ein unsichtbares Design ist häufig weit effizienter als ein buntes Farbenspiel, vor allem weil es nicht die Gestalt der Seite betont, sondern den Inhalt der Beiträge.“

Doch was sich zunächst leicht anhört, ist in der Praxis schwer umzusetzen. Denn wo nichts ist, da ist eben auch kein Inhalt. Gerade bei größeren Portalen, wie zum Beispiel Nachrichten-Diensten, bei denen es darauf ankommt, besonders viele Inhalte zu präsentieren, bedarf es des Kompromisses zwischen großzügigem Design und der Übermittlung möglichst vieler Informationen. Weniger ist eben auch nicht immer mehr. Oder wie es der Designer Milton Glaser sagte: Less isn't more, enough is more - Weniger ist nicht mehr, gerade genug ist mehr.

Die gekonnte Reduktion aber ist nur eines von mehreren Merkmalen gelungener Webseiten. Was ebenfalls wichtig ist:
  • Die optisch strikte Trennung der eigentlichen Seiteninhalte von Seitenattributen wie Navigation oder Kontaktinformationen.
  • Ein starkes Augenmerk auf die richtige Farbauswahl. Zur Zeit in Mode: sowohl weiche Farben, die den Eindruck von Ruhe und Behaglichkeit vermitteln als auch starke Farbkontraste, um beim Seiten-Besucher einen bleibenden Eindruck zu erwecken.
  • Ein besonders typisches Merkmal des Web 2.0-Designs: abgerundete Ecken. Friedman: "Während Kästen und rechteckige Gebilde eher für praktische Zwecke gedacht sind, können abgerundete Objekte sich davon abheben und eine natürliche Form vorweisen." Das wirke attraktiv und spielerisch.
  • Bei der Wahl der Typografie werden zudem zunehmend serifenlose Schriften bevorzugt. Als Serife (französisch „Füßchen“) bezeichnet man die feine Linie, die einen Buchstabenstrich am Ende, quer zu seiner Grundrichtung abschließt. Serifen erhöhen prinzipiell die Lesbarkeit von Buchstaben. Generell eignen sich Serifenschriften aber eher für gedruckte Schrift.
Und was ist eigentlich mit Bildern? Der Volksmund sagt: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Informatik-Professor Mario Fischer meint: "Als sich das Sprichwort eingebürgert hat, gab es noch keine Webseiten." Und es habe damals noch keine verzweifelten Versuche gegeben, mit Bildern, Grafiken und Icons auch wenigstens nur ein einziges Wort zu ersetzen. Der Vorteil von Bildern sei zwar, dass man sich an sie viel besser erinnere als an Worte. Das Problem: Bilder, Grafiken und Icons seien in ihrer Aussage selten eindeutig. Die Folge: Die Seitenbesucher verstehen sie nicht. Sprache sei dagegen meist klarer. Für das Internet kehrt Fischer die Volksweisheit deshalb um: "Ein Wort sagt mehr als 1000 Bilder."

Donnerstag, 1. Januar 2009

Wie wir lernen werden

Noch immer wird Wissen vermittelt als hätten wir eben erst den Buchdruck erfunden

Wer seit 1990 geboren wurde, der hat eine Welt ohne Internet nie kennen gelernt. Das World Wide Web ist so alt wie ein Mensch zum Erwachsen werden braucht, und vor allem für die Jüngeren ist es selbstverständlicher Bestandteil ihres täglichen Lebens geworden. Eine Studie der US-amerikanischen Universität von Wisconsin-Madison und der Bildungsplattform Educause unter amerikanischen Studenten bestätigt die Erwartung: 99 Prozent der Studenten besitzen einen Computer; 99,9 Prozent schreiben, lesen und verschicken regelmäßig E-Mails; 84 Prozent nutzen Instant Messaging wie Skype oder ICQ; 82 Prozent sind in sozialen Netzwerken wie StudiVZ oder Facebook aktiv. 18 Stunden ist ein Student im Durchschnitt pro Woche online.

Wie aber verändert der unbeschränkte Zugang zu Information und Kommunikation das Lernen selbst? Passen die Formen der Bildung in Kindergarten, Schule und Universität noch zu den neuen Möglichkeiten der Wissensvermittlung?

Als es noch keine Bücher gab, waren die Alten in einer Gesellschaft die Träger von Erfahrung und Geschichte. Sie gaben weiter, was sie gehört, gesehen, erlebt hatten. Sie wurden dafür geachtet, verehrt, manchmal auch gefürchtet. Mit der Erfindung von Schrift und Papier wurden die Alten unwichtiger. Nun konnte Wissen konserviert werden. Über Generationen. Der Mensch als "Speichermedium" verlor an Bedeutung. Es begann die Macht der Schreiber. Wer bestimmen konnte, was niedergeschrieben wird, der hatte nicht nur Zugang zu diesem Wissen, er regulierte gleichzeitig, welches Wissen verbreitet wurde und noch wichtiger: welches nicht.

Nicht jeder durfte deshalb Bücher schreiben oder drucken. Staat und Kirche waren lange Zeit Monopolisten. Denn die Mächtigen hatten Angst, dass Wissen in der Hand vieler ihnen die Macht raubt. Wenn die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel ist, wo ist dann der Himmel? Wenn der Mensch einen eigenen Willen hat, warum soll er dann nicht auch für seine Rechte kämpfen dürfen? Wenn die Bürger jenseits der eigenen Landesgrenze ohne Unterdrückung leben können, warum dürfen die Menschen im eigenen Land es nicht?

Die Kämpfe um die freie Übertragung von Information sind weltweit gesehen noch nicht beendet. Dort wo das Informationsmonopol gefallen ist, haben die ehemals Mächtigen ihre Macht verloren. Das Erbe sind Freiheitsrechte und Demokratie.

Heute kommen weltweit 3000 neue Bücher auf den Markt - täglich. Durch Computer und Internet aber sind Bücher nicht mehr die einzigen Wissensspeicher. Die Menge an digitaler Information ist mittlerweile drei Millionen mal so groß wie alle Information, die je in Büchern geschrieben wurden (mehr dazu hier).

Dabei ist es weniger der zunehmende Wissenswachstum, der uns verändert. Es sind vielmehr die neuen Möglichkeiten mit diesem Wissen umzugehen. Früher lag das Wissen zwischen zwei Buchdeckeln und wurde entweder lesend aufgenommen oder von einem Dozenten vorgetragen. Wissensvermittlung war demnach an einen Ort und meist auch eine vorgegebene Zeit gebunden. Sie war strukturiert und geplant. Ohne Disziplin ging gar nichts. So funktioniert die Schul- und Hochschulbildung im Grunde immer noch. Dabei ist der Zugang zu Wissen heute sowohl örtlich als auch zeitlich unbeschränkt. Jeder in den reichen Ländern der Erde kann sich heute Wissen aneignen, wann und wo er will. In Häppchen, in ganzen Tutorien, was gerade gebraucht wird und wie viel Zeit wir dafür bereit sind zu geben.

Wie aber passen diese neuen Möglichkeiten zu den alten Lehrformen? Oder anders gefragt: Wie wird der technische Fortschritt unser Lernen verändern? "Wir fahren in die Zukunft, indem wir in den Rückspiegel schauen", hat der kanadische Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan einmal gesagt. Veränderung ergibt sich also immer mit dem Wissen über die Vergangenheit. Somit nutzen wir den technischen Fortschritt zunächst, um die alte Arbeit zu erledigen. Oft schneller und effizienter; aber eben zunächst nicht grundsätzlich anders.

Dass wir mit geänderten Möglichkeiten Arbeit auch ganz anders anpacken können, dafür braucht es meist eine ganze Weile. Mit anderen Worten: Die neuen Formen des Lernens entwickeln sich gerade erst. Fest steht schon jetzt: Das Internet ist nicht mehr nur ein Buch ohne Buchdeckel, durch das Inhalte konsumiert werden. Zunehmend entwickelt sich das World Wide Web zur Plattform, auf der Inhalte erstellt, geteilt, neu zusammengesetzt und weitergegeben werden. Das Internet bildet den Wissensprozess damit viel besser ab als ein Buch, das, einmal geschrieben, keine Veränderung mehr zulässt. Denn Wissen ist nur so lange wahr, bis es widerlegt wird. Das Bessere als Feind des Guten. Was aber das Bessere ist, sieht man erst, wenn es in der Welt ist - beim Blick in den Rückspiegel eben.