Montag, 8. Dezember 2008

Der Wikipedia-Effekt

Alles Berichterstatter? - Wie die Masse im Internet das Berufsbild des Journalisten verändert

Für die Redaktion des "Cincinnati Enquirer" war die Aufgabe nicht zu bewältigen gewesen. Im Dezember 2006 hatte der dortige Bundesstaat Ohio ein Rauchverbot erlassen. Die Zeitung wollte nun jedem ihrer Lesern mitteilen, ob sich die Kneipe um die Ecke an das Rauchverbot hält oder nicht. Eine gute Idee. Das Problem: In Cinncinnati gab es zu diesem Zeitpunkt exakt 1488 Bars und Restaurants. Für die Zeitungsredakteure war es unmöglich in überschaubarer Zeit alle notwendigen Informationen einzuholen. Also bat man die Leser um Hilfe. Die meldeten sich zahlreich. Vor allem per E-Mail. Die Zeitung sammelte alle Informationen und stellte sie auf ihrer Internet-Seite auf einem Stadtplan (per Google-Map) allen zur Verfügung. Eine Recherche, welche die Redaktion nie alleine geschafft hätte, wurde durch ihre Leser ermöglicht. "Crowdsourcing" heißt in den USA dieser journalistische Trend. Er besteht im Kern darin, dass viele bei der Informationsbeschaffung helfen.

Früher waren die Rollen klar verteilt: Der Journalist begab sich auf die Suche nach Informationen. Hatte er diese gefunden, teilte er sie dem Leser, Hörer, Zuschauer mit. Durch das Internet verwischt die Grenze. Weil der Austausch zwischen Informationsbereitsteller und Informationsaufnehmer viel enger ist. Der Besucher eines Nachrichtenseite im Internet kann sich in der Regel sofort zu einem erschienenen Artikel äußern, per Kommentar. Er kann seine Meinung mitteilen oder einfach nützliche Zusatzinformationen beisteuern. Bei einer Printausgabe dagegen muss erst ein Leserbrief verfasst und verschickt werden. Dann muss der Schreiber noch darauf hoffen, dass sich die Redaktion bei der Auswahl der zu veröffentlichten Leserbriefe für seinen entscheidet. Im Internet gibt es diese Beschränkungen nicht. Die Reaktionen auf journalistische Beiträge erscheinen unmittelbar und in voller Länge. Im Prinzip funktioniert diese Art des Journalismus wie das Online-Lexikon Wikipedia: Weil viele mitarbeiten, ist das Ergebnis am Ende besser, als wenn sich eine kleine Gruppe von Experten darum kümmert.

Das hat Konsequenzen für den Journalismus der Zukunft. "Während es heute üblich ist, die Idee einer Geschichte als Geheimnis zu bewahren, damit die Konkurrenz sie nicht erfährt, ist es bei der Idee des 'verteilten Reporter-Modells' nötig, eine Story in einem möglichst frühen Stadium Online zu stellen", schreibt etwa Mark Briggs in seinem Lehrbuch "Journalism 2.0". Dies, so Briggs weiter, erlaube den Lesern, sich an der Entwicklung einer Story zu beteiligen. Gleichzeitig ist im Online-Journalismus eine saubere Recherche noch wichtiger als bei Print, Radio und Fernsehen. Weil das Blamage-Potential größer ist. Ein Fehler wird von den Usern per Kommentar sofort öffentlich gemacht.

Am radikalsten will diese Idee die Internet-Seite NewAssignment.net umsetzen. Professor Jay Rosen von der New York University hat im Jahre 2006 diese Seite ins Leben gerufen. Dort werden Nachrichten und Geschichten eingestellt und von freiwilligen weiterentwickelt. Rosen erklärt das Konzept so: „NewAssignment sagt: Hier ist eine ziemlich fertige Story. Wir haben viele gute Informationen gesammelt. Pack dein Wissen dazu und mach sie besser. Arbeite mit uns, wenn du Dinge weißt, die uns unbekannt sind.“

Der verstärkte Austausch mit den Lesern, Hörern und Zuschauern ist nicht die einzige Veränderung im Berufsbild des Journalisten. Das Internet fügt auch zusammen, was früher getrennt war. Bewegbilder lieferte das Fernsehen, Texte wurden in der Zeitung gedruckt, das gesprochene Worte sendete das Radio. Im Internet vereinen sich alle drei Medien. Eine für das Internet aufbereitete Story, über die Wahlen in den USA etwa, kann ein Video mit Wahlkampfreden der Kandidaten enthalten, einen geschriebenen Kommentare und ein Audio-Interview mit einem Wahlkampf-Experten.

Das ist die eigentliche Chance des Internets: Dass nicht mehr das Medium darüber entscheidet, in welchem Format ein journalistischer Inhalt übermittelt wird, sondern die Frage im Mittelpunkt steht, welches Format das beste für eine Story ist. Ein Sportereignis will man in bewegten Bildern sehen, die gekonnte Analyse als geschriebenes Wort, ein Thema mit Erklärungsbedarf in einer anschaulichen animierten Grafik. Das Internet macht diese neue Form des Journalismus möglich.

Für den Journalisten heißt dies: Die Anforderungen steigen. Wer früher bei einer Zeitung war, schrieb; wer beim Radio arbeitet, baute Audio-Beiträge; war man beim Fernsehen angestellt, produzierte man Bewegbilder. Weil es diese Trennung im Internet nicht mehr gibt, müssen Journalisten zunehmend zu Generalisten der Formate werden. Nicht alle Journalisten müssen alles herstellen können. Denn guter Journalismus braucht auch in Zukunft die Spezialisierung. Immer wichtiger aber wird das Verständnis darüber, wie eine Story aufbereitet werden soll: mit einem Kamerateam, einem guten Schreiber oder durch einen Grafiker, der sich auf beeindruckende Animationen versteht.

Der Beruf des Journalismus gewinnt dadurch. „Es gab nie eine besser Zeit Journalist zu sein als heute “, sagt Briggs. Das klinge vielleicht komisch, so Briggs weiter, wenn man bedenke, wie viele Zeitungs-Journalisten seit dem Jahre 2000 ihren Job verloren hätten, aber noch nie habe es so mächtige Wege gegeben, Geschichten zu erzählen und den Leser mit Informationen zu versorgen. „Wer den Journalismus liebt, der liebt die Vielfalt der Möglichkeiten, die gestiegene Interaktion mit dem Publikum und das fast komplette Verschwinden der Beschränkung von Raum und Zeit.“

Samstag, 6. Dezember 2008

Meine Top 10

Eine persönliche Hitliste: Die besten Seiten des Jahres 2008

Die Gestaltung der Webseiten wechselt, die Technik schreitet voran, die Inhalte wandeln sich - über den Fortschritt des Internets informiert das Internet selbst. Aber auf welchen Seiten? Das Angebot ist schwer überschaubar. Hier meine persönliche Hitliste jener Webseiten, die ich in diesem Jahr für besonders interessant, hintergründig, merkenswert halte.

Wissen, was schön ist
Welche Webseite hat sich ein neues Outfit verpasst? Was macht ein schönes Logo aus? Welche sind die gruseligsten Internetseiten? Designtagebuch.de ist eigentlich ein Fachblog vor allem für Webdesign. Doch die Inhalte sind auch für Laien verständlich. Wer sich für Gestaltung im Internet interessiert, ist hier richtig.
Videotipp: Ein nachgerade sehr witziges Video über den Entstehungsprozess eines Logos

Papier-Qualität im Netz
Quantität gibt es genug im Internet. Aber an der Qualität mangelt es bisweilen. Die Pendants zur Qualitätszeitung im Printbereich entwickeln sich gerade erst. Ein hoffnungsvoller Ansatz dieser spannenden Entwicklung: carta.info. Carta ist ein Mehrautoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie. Übrigens: Carta leitet sich vom lateinischen Wort für Papier ab.
Lesetipp: "Brauchen wir mehr Staatsunternehmen?"

Deutschlands Top-Blogger
Welche Blogs sind die beliebtesten? Unter deutscheblogcharts.de werden wöchentlich die Top100 der deutschsprachigen Blogs präsentiert. Genauer gesagt basiert das Ranking auf einer Zahl, die angibt, welche deutschsprachigen Blogs wegen ihrer Inhalte besonders oft von anderen Bloggern verlinkt beziehungsweise zitiert werden. Die Nummer eins aktuell: basicthinking.de/blog.
Lesetipp: Einfach mal über das Ranking scrollen und beim ein oder anderen Blog vorbeischauen.

Youtube mit Anspruch
Wem Youtube zu lustig, zu kurzweilig, zu unübersichtlich ist, der sollte mal auf getdocued.net stöbern. Eine kleine, nicht wirklich hübsch gemachte Website. Aber auf ihr werden sehenswerte Dokumentationen und Dokumente der Zeitgeschichte gesammelt.
Videotipp: Die Rede von Barack Obama in der Wahlnacht

Besuch beim Useability-Guru
Wie funktioniert eine Website? Genauer gefragt: Wie sollte sie funktionieren? Wie gestaltet man eine Seite übersichtlich? Wie gibt man dem User Orientierung im Portal? Alle zwei Wochen klärt Useability-Guru Jakob Nielsen auf useit.com über die Geheimnisse guter Websites auf. Allein um sich das Layout seiner Seite anzuschauen, lohnt sich ein Besuch - obwohl von Layout man gar nicht recht sprechen will. Verständlich aber ist die Seite wie keine zweite, useable eben.
Lesetipp: "25 Years in Usability" - Nielsen schaut auf sein Berufsleben zurück

Zeitung im Internet
Weltweit gibt es tausende von Zeitungen. So unterschiedlich wie die Printausgaben, so verschieden sind auch ihre Onlineauftritte. Unter onlinenewspapers.com kann man nach allen suchen.
Stöbertipp: Die New York Times - ein Vorbild für die Zeitungsbranche weltweit.

Hinter den Bildschirm blicken
Kein Thema wird in Blogs ausführlicher behandelt, als das Internet selbst. In vielen Blogs geschieht das auch ziemlich gut. Besonders gut macht es netzwertig.com. Weil dort Neuigkeiten und Trends der Internetwirtschaft nicht nur aufgezeichnet, sondern auch analysiert werden.
Lesetipp: "10 Webdienste aus Europa, die die Musiklandschaft verändern"

Wissen was geht

Weniger hintergründig als netzwertig.com, aber sehr informativ: Golem.de - das wohl umfangreichste deutschsprachige Nachrichtenportal zur Digitalwirtschaft. Was hier nicht steht, hat nicht stattgefunden.
Kein Lesetipp, denn auf Golem bestimmt die Aktualität eines Themas das Interesse daran.

In Bewegung
Immer mehr Menschen filmen, weil filmen immer einfacher und billiger wird. Fast jedes Handy hat mittlerweile eine Aufnahmefunktion. Wer mehr können will, als den Record-Button auf seinem Mobilfunkgerät zu finden, ist auf der Seite slash.cam.de gut aufgehoben.
Lesetipp: "Die Top-6 Anfänger-Fehler beim Videofilmen"

Kontrolle für die Kontrolleure

Bildblog.de zeigt eine Stärke des Internets: die Aufklärung. Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis betreiben den Blog seit 2004. Und mit Hilfe der Hinweise vieler Leser decken sie auf, was die Bildzeitung Tag für Tag so treibt, was sie unter dem Deckmantel des Journalismus alles in die Welt setzt, an Halbwahrheiten und mehr. Sie kontrollieren quasi die Kontrolleure der Demokratie, die Medien. Bereits im Jahr 2005 haben sie dafür den Grimme Online Award erhalten. Heute ist der Bildblog lesenswerter denn je.
Lesetipp: Die Einlassungen von Bildblog über Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner, zum Beispiel hier

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Wer geht noch zu H&M?

Vom Volk für's Volk: Wie sich das Internet für Modemacher zum Segen entwickelt

Es klingt nach Klischee, aber die Statistik belegt: Frauen und Mode gehören auch im Internet untrennbar zusammen. Jede zweite Internetnutzerin informiert sich im Web über Mode, während der Anteil in der gesamten Nutzerschaft nur 33 Prozent beträgt. Insgesamt sind das in Deutschland 12,6 Millionen Menschen, doppelt so viel wie vor 4 Jahren.

Die Zahlen stammen aus der Allensbacher Computer- und Technikanalyse 2008. Und die Studie zeigt auch: Das Internet dient längst nicht mehr ausschließlich der Recherche. Von zehn Websuchen zu Kleidung und Schuhen enden sechs mit einem Kauf.

Noch vor einigen Jahren war Versandhandel lediglich mittels dicker Kataloge von Otto, Quelle und Co möglich. Doch die eigentliche Revolution spielt sich nicht beim Verbraucher ab, der statt Papier-Seiten zu blättern, sich jetzt durch Websites klickt. Der Versandhandel per Internet verändert vor allem die Unternehmerseite. Denn mittlerweile kann jeder Kreative zum Unternehmer werden. Neben den allgemeinen Handelsplätzen wie Ebay bilden sich spezielle Anbieter für Mode heraus. Länger als 30 Minuten braucht es nicht, um auf diesen Seiten sein eigenes Angebot einzustellen und anzupreisen.

Etsy aus den USA ist eine solche erfolgreiche Plattform. Nur Selbstgemachtes darf dort verkauft werden. Im vergangenen Monat wurden dort 4,2 Millionen Dollar umgesetzt. Für 2009 plant Etsy mit einem Jahresumsatz über 100 Millionen Dollar. Das ist mehr als bei Ebay mit solchen Produkten gehandelt wird.

In Deutschland gibt es ähnliche Angebote, zum Beispiel Dawanda. 25 000 Kreative bieten nach eigenen Angaben dort mittlerweile ihre Waren an, 150 000 Kunden sollen registriert sein. Zu sehen gibt es dort viele Unikate, von Filzpuschen und Schlafbrillen über Kinderkleidung, Handtaschen bis zu Püppchen aus Amigurumi, einer japanischen Häkeltechnik.

Für Künstler und Handwerker sind die Plattformen ein Segen, in mehrfacher Sicht. Sie sparen sich den Aufwand einen eigene Laden (real oder im Internet) zu betreiben. Sie haben praktisch keinen Marketing-Aufwand, weil die Portale selbst für die Aufmerksamkeit sorgen. Und die Werbung für die jeweiligen Produkte erledigen die User selbst, denn auf den Portalen können sie ihre Bewertungen hinterlassen und anderen zukommen lassen. Qualität und gute Ideen bekommen so positive Resonanz.

Die Portale beleben also das Geschäft, weil sie ökonomisch gesagt, die Hürden für den Markteintritt senken. Neue (vor allem kleine) Unternehmen fordern die alten (vor allem große) Firmen heraus. "Es geht nicht darum, dass Basteln wichtiger wird. Es geht darum, dass der Einzelne in eine direkte Konkurrenz mit dem Konzern treten und sich mit besseren Produkten auf dem Markt durchsetzen kann", hat Holm Friebe jüngst auf der Frankfurter Buchmesse gesagt, wo er sein Buch "Marke Eigenbau" präsentiert. Friebe vertritt darin die These, dass der bisherige "Konzernkapitalismus" durch eine Wirtschaftsform abgelöst werden könne, bei der Kleinunternehmer ihre Produkte Verbraucher anbieten, die ein Bedürfnis nach Ökologie und fairem Handel haben. Das Internet jedenfalls macht solche Wirtschaftsbeziehungen einfacher.

Die Modebranche ist dabei besonders geeignet für diese, von Friebe beschriebene, kleinteilige Wirtschaftsform. Denn Kleidung dient vor allem im Westen der Hervorhebung der Individualität. Massenprodukte taugen dafür nicht. Das Ende der Massenproduktion wird dies freilich nicht bedeuten. Denn erstens senkt die Massenfertigung Kosten. Zweitens hat Kleidung auch noch eine weitere, gegensätzliche Funktion: Keidung macht den Menschen auch zum Teil der Gesellschaft. Kleidung zeigt Anpassung. Das beste Beispiel ist der Herren-Anzug. Wer in trägt, zeigt Konformität.

Kleidung taugt also auch zur Massenfertigung. Ware von der Stange wird es deshalb weiter geben. Versandhändlern wie Otto braucht deshalb nicht bange sein. Zumal ihr Angebot längst auch im Internet zu kaufen ist - selbst die Bewertung durch den Kunden gehört bei Otto mittlerweile zum Standard.