Dienstag, 14. Oktober 2008

Heimat 2.0

Lokales im globalen Netz: Für den Journalismus liegt die Zukunft in der Region

Claus Strunz war acht Jahre lang Chefredakteur von Bild am Sonntag gewesen. Gestern trat er seinen neuen Job an. Er ist zwar weiter als Chefredakteur tätig, aber nicht mehr für Deutschlands größte Wochenend-Zeitung, sondern beim "Hamburger Abendblatt". Ein Karriere-Knick für den 42-jährigen Überflieger aus dem Hause Springer? Strunz kontert offensiv: "Ich sehe den Wechsel eher als Aufstieg", sagte er. Und: "Die Zukunft des Journalismus liegt vor allem im Regionalen."

Ob Abstieg oder Aufstieg: Den Trend hat Strunz jedenfalls auf seiner Seite. Genauer gesagt den Gegentrend. Vor ein paar Jahren noch war der Begriff der Globalisierung positiv besetzt. Er stand für Wachstum, Offenheit, Veränderung. Doch der Wind drehte sich: Heute assoziieren damit viele Ungerechtigkeit und Entfremdung. Heimat dagegen hat Konjunktur. Wir kaufen bevorzugt Produkte aus der Region, empfinden Herkunft als identitätsstiftend, interessieren uns für Themen aus der Nachbarschaft. 70 Prozent der Deutschen, so eine Studie des Südwestrundfunks (SWR), wünschen sich in den Medien mehr Hintergrundinformationen zu Ereignissen aus der Region.

Es ist nicht nur der Anti-Globalisierungstrend, der regionale Nachrichten für Informationsanbieter wichtiger macht. Es ist das Internet selbst. Nachrichten werden heute über das Netz weltweit verbreitet. Das heißt auch: Der Leser/Zuhörer/Zuschauer/User empfängt deutlich mehr Informationen, aber eben oft auch gleichen. Über die weltweite Finanzkrise oder Selbstmordanschläge im Irak-Krieg berichten unzählige Medien, häufig mit den selben Details. Die Folge: Medien werden austauschbar - der Tod einer jeden Medienmarke. Lokale Nachrichten dagegen sind meist einzigartig. Weil sich nur wenig, nicht selten nur ein einziger um die Informationsbeschaffung bemüht. Durch lokale und regionale Informationen erlangen Verlage damit etwas Wesentliches: Einzigartigkeit.

Aber Einzigartigkeit alleine reicht nicht. Wer es nicht schafft, Nachrichten zu Geld zu machen, der kann seine Informationsbeschaffer nicht bezahlen. Vor dem Internet-Zeitalter war das Geschäftsmodell für die Verlage schlicht und klar: Die Nachricht erschien in der regionalen Zeitung, die an die Leser verkauft wurde und in der von der ganzseitigen Anzeige ob einer Supermarkteröffnung bis zum privaten Autoverkauf in der Kleinanzeigen-Rubrik, alle Anzeigenkunden ihr Werbe-Botschaften inserierten. Das brachte respektable Gewinne. Das Web hat die Lage verändert: Kleinanzeigen wandern ins Netz ab und neue regionale Webportale kämpfen um Aufmerksamkeit und Anzeigen. Der Werbekuchen wird neu aufgeteilt.

Für den Journalismus ist das kein grundsätzliches Problem. Denn Unternehmer wollen auch in Zukunft ihre Produkte an Mann, Frau und Kind kriegen. Und sie brauchen dafür eine Plattform, die von vielen wahrgenommen wird. Die Frage ist nur: Wem werden diese Plattformen gehören? Und damit: Wer macht in Zukunft gutes Geld? Doch auch wenn die Karten neu gemischt werden, sind die Trümpfe bereits verteilt. Denn etablierte Medienmarken können das Vertrauen, dass Leser und Werbetreibende in sie haben, auf neue Medienformate übertragen: Glaubte man der Zeitung, schenkt man auch deren Internet-Auftritt vertrauen. Und dennoch hat das Internet den Wettbewerb um lokale Nachrichten neu eröffnet. Dass diese Form der Nachrichten auch im Netz die größte Aufmerksamkeit bringen, hat man übrigens schon zu Beginn des Internet-Zeitalters beobachten können, als nämlich Programmierer der Universität Cambridge eine der ersten Webcams zur Übertragung von Bildern im Internet installiert hatten: Sie zeigte die Füllstand-Anzeige ihrer Institutskaffeemaschine.

Samstag, 11. Oktober 2008

Bin ich noch drin?

Nach der Krise kommt die Zukunft: Wie das Internet in einigen Jahren aussehen könnte

Wirtschaftlichen Krisenzeiten verengen den Blick. Das Heute ist wichtig. Was zählt, ist das Überleben. Hektisch wird nach Sparpotentialen gesucht, der Gürtel enger geschnallt, Investitionen in interessante, aber gewagte Ideen in die ferne Zukunft geschoben. Der wirtschaftliche Zwang regiert das Tagesgeschäft.

Der aktuelle Finanzcrash im weltweiten Bankensystem lässt auch alle anderen Branchen nach dem Krisenplan in der Schublade kramen. Die gewagte Geschäftsidee hat Hausarrest - auch und gerade bei Unternehmen der Informationstechnik. Da kommt eine Studie gerade Recht, die den Blick über den zeitlichen Tellerrand ermöglicht. IVW, Agof und Infonline, drei Organisationen, die unter anderem die Internetnutzung beobachten, haben sich mit der Zukunft des Internets beschäftigt. Zwischen März und Mai diesen Jahres wurden Experten aus den Bereichen Internet-Werbung, Webseiten-Betreiber, Journalisten, Verbände, Institute, Techniker und Wissenschaftler mit folgender Fragestellung konfrontiert: "Wohin entwickelt sich das Medium Internet in den nächsten Jahren?"

Konkret gaben die Experten Antworten auf drei Bereiche: die Entwicklung von Webinhalten, zukünftige Geschäftsmodelle sowie die veränderte Nutzung des Internets durch die User.

1) Wie ändern sich die Inhalte der Webseiten?

Die Experten vermuten, dass Blogger an Bedeutung gewinnen. Einzelne Blogger könnten den „Status der Meinungsführerschaft“ erlangen. Blogs würden somit selbst zu kleinen Medienmarken.

Außerdem erwarten die Internet-Experten eine stärkere Vermischung von redaktionellem Inhalt mit von Usern erstellten Beiträgen. Die Interaktion werde zentral, weil die User mitmachen wollten, so die Studie.


2) Womit wird man im Internet in Zukunft Geld verdienen?

Grundsätzlich, so die Studie, gebe es heute wie in der Zukunft drei Möglichkeiten, im Internet Umsätze zu erwirtschaften: mit Werbung, mit E-Commerce (also dem elektronischen Handel) sowie bezahlten Inhalte (so genannter paid content). Letzteres, so glauben die Experten, werde auf wenige Bereiche beschränkt bleiben. Diese seien Video auf Abruf, Computerspiele, Fachinformationen und Erotik. Entscheidend sei hierbei die Aktualität, die Exklusivität und die Hochwertigkeit. Der E-Commerce dagegen werde sich in Zukunft auf weitere Warengruppen ausweiten. Voraussetzung für eine schnelle Ausweitung sei eine Vereinfachung der Bezahlsysteme. Und auch der klassische Online-Werbemarkt, wie etwa Anzeigen, werde mit der steigenden Online-Nutzungsdauer wachsen, vor allem weil man immer bessere Informationen über die Nutzer hätte und deshalb Werbung immer zielgenauer zukommen lassen könne.

3) Wird sich die Nutzung des Internets wandeln?

Die Experten vermuten, dass das Internet wie bisher ein aktives Medium bleibt. Das bedeutet, dass der User sich weiter aktiv auf die Suche nach Inhalten macht. Das Internet als so genanntes Lean-Back-Medium, also als Berieselungsmedium, können sich nur die wenigsten Befragten vorstellen. Allerdings: Es gibt auch den Trend zur Medienkonvergenz, das meint die Auflösung der Format-Kanal-Bindung. Konkreter: Das Internet vereinigt zunehmend alle Formate. Mit ihm wird Fern gesehen, Radio gehört, Musik abgespielt, Nachrichten gelesen, Videos geschaut, Comupter-Spiele gespielt. Wer aber im Internet beispielsweise einen Film schaut, für den ist das Internet ein passives Medium, weil seine Hände nicht mit Tastatur und Maus, nach Inhalten suchen.

Vermutlich wird der Begriff des Internets selbst zunehmend unscharf, weil das Internet nicht mehr alleine das Surfen auf Webseiten meint, sondern lediglich die Übertragung von Daten mittels der Technik des Internets. "Die Nutzer werden in Zukunft gar nicht mehr genau wissen, wann sie im Internet sind und wann nicht", sagt einer der Experten laut der Studie. Weil das Internet zur völligen Selbstverständlichkeit geworden ist und unterschiedlichste Geräte auf das Internet zurückgreifen. Denkbar, dass eine drahtlose Internetverbindung bald so selbstverständlich sein wird, wie Radiowellen für den Empfang eines Senders.

Die Statistik belegt, dass ein Großteil der heutigen Unternehmen bei dieser Entwicklung gar nicht mehr dabei sein werden. Schätzungen zufolge überstehen nur fünf bis zehn Prozent aller Startups rund ums Internet die ersten drei Jahre. Der Blick über den zeitlichen Tellerrand ist für manches Unternehmen deshalb auch der Blick in den eigenen wirtschaftlichen Abgrund sein. Kein Wunder, dass man da lieber an heute als an morgen denkt.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Sie sind jung und brauchen das Geld

Hypothekenkrise und Bankencrash: Wie sich die weltweite Finanzkrise auf die New Economy auswirkt

Ein Begriff ist in Vergessenheit geraten. Er ist verbrannt, sagt das Marketing. Zu viele negative Assoziationen. Kaum einer spricht noch von der "New Economy". Dabei hatten die zwei Worte einmal das finanzielle Glück auf Erden versprochen. New Economy, das waren junge Firmen aus der Computer-Branche oder der Bio-Technologie. Diese Unternehmen wollten anders sein, als die etablierten Konzerne. Schneller, kreativer, gewinnbringender. Viele glaubten daran und gaben ihr Geld. Sie wollten dabei sein, als die Kurse stiegen, immer schneller. Bis zum März 2000. Dann platzte die Blase.

Achteinhalb Jahre später purzeln die Kurse erneut. Schuld sind diesmal nicht Technologie-Aktien. Billiges Geld der amerikanischen Notenbank, mit dem sich viele Amerikaner den Traum vom Eigenheim erfüllt hatten, war der Anfang vom Ende. Später brachten faule Hypotheken-Kredite das gesamte Bankensystem ins Wanken, teilweise zum Einsturz. Keine Branche wird von den Folgen verschont bleiben. Wie aber trifft es jenen Wirtschaftszweig, der beim letzten Börsencrash Hauptleidtragender war? Was wird von hoffnungsvollen Startups übrig bleiben?

Junge Unternehmen werden von Finanzkrisen meist überproportional hart getroffen. Denn sie brauchen das, was in solchen Zeiten besonders knapp ist: Geld. Viele dieser Unternehmen stehen noch nicht auf eigenen Beinen. Sie machen keine Gewinne. Und neues Geld, etwa von so genannten Venture-Capital-Unternehmen, ist schwer zu bekommen. Weil diese Firmen, die sonst gerne etwas riskieren und mit ihrem Kapital bei hoffnungsfrohen Jungfirmen einsteigen, genug mit sich selbst zu tun. Nach einer Studie des Ökonomen John Fisher von der Universität San Francisco hat sich durch das Platzen der Internetblase zur Jahrtausendwende die Zahl der Venture-Capital-Unterehmen von rund 1800 auf 1200 reduziert. "Dieses Mal wird der Einbruch erneut zu spüren sein: Ich schätze, dass nur 500 bis 750 Firmen übrig bleiben", so Fisher gegenüber Spiegel Online.

Auch an frisches Geld durch einen Börsengang ist aktuell nicht ranzukommen. In den USA zum Beispiel wird im gesamten Jahr 2008 gerade Mal mit zehn Börsengängen gerechnet. Hinzu kommt: Technologie-Unternehmen brauchen die Finanzbranche nicht nur als Geldgeber, sie schätzen sie auch als attraktive Auftraggeber. Weil in Geldhäusern, neben dem Personal, funktionierende Computer und Software das größte Kapital sind. Aber keine Bank, die finanzielle Probleme hat, wird viel Geld in ihre Informationstechnik stecken. Schon immer wurde an Investitionen zuerst gespart.

Für junge Hightech-Firmen gibt es aber auch Grund zur Hoffnung: Der Wirtschaftszweig gilt als Zukunftsmarkt. Wenn die Finanzkrise ausgestanden ist, werden neue Anlageformen gesucht werden. Der Immobilienmarkt wird auf absehbare Zeit nicht gefragt sein. Interesse wecken werden Werte mit Perspektive, Werte, die getragen sind von dem Wunsch, mit neuen Technologien Geld zu verdienen.

Wie aber als Chef eines solchen Startups die Durststrecke überwinden?
Ryan Janssen, Geschäftsführer von Angelsoft.net, einer Web-Plattform, die Investoren und Unternehmer zusammen bringt, hat in einem Blogbeitrag drei Ratschläge gegeben.

1) Sprechen Sie mit ihrem Team und den Investoren! Man müsse der eigenen Belegschaft klar machen, so Janssen, was die schwierige Situation bedeute, nämlich keine Einstellungen, kein Boni, kein Gehaltsanstieg. Auch müsste deutlich werden, dass Investitionen zurückgestellt werden müssten. Auch solle frühzeitig den Geldgebern mitgeteilt werden, dass sie mit niedrigerem Wachstum rechnen müssten. Offene Kommunikation brächte Verständnis, so der Geschäftsführer.


2) Suchen Sie neue Umsätze! Viele Startups, schreibt Janssen im Blog gigaom.com, würden lediglich darauf schauen, so viele User wie möglich an sich zu binden und hofften, die große Userzahl erst später in Umsätze wandeln zu können. In Krisenzeiten sei es aber von Nöten, Einnahmen zu generieren. Deswegen sei es wichtig, das eigene Produkt nach unentdeckten Umsatzquellen zu durchsuchen.

3) Machen Sie weniger! Krisenzeiten seien Zeiten der Besinnung. Wer in solchen Phasen als einziges Ziel das Wachstum habe, der Laufe Gefahr sich finanziell zu verausgaben und beim nächsten Aufschwung erst gar nicht mehr dabei zu sein.