Samstag, 14. Februar 2009

Umzug

Dieses Blog ist umgezogen, nämlich hier hin.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Digitale Demenz

Nie wuchs Wissen schneller als heute - Es könnte genauso schnell wieder verloren gehen


Früher ging man zum Erinnern in den Keller. Oder auf den Speicher. Kisten mussten entstaubt, Pappschachteln geöffnet werden. Darin: Dokumente, Fotos, Briefe, nicht selten Liebesbriefe. Das Stöbern in der eigenen Vergangenheit oder in der von Eltern und Großeltern in staubig-stickiger Luft wird es nicht mehr lange geben. Selbst Liebesbriefe werden heute überwiegend digital verfasst und verschickt, Bilder in Bytes gespeichert und in Pixeln betrachtet. Das Medium "Computer" löst das Medium "Papier" ab.

Drei Nachrichten der vergangenen Tage: Der Bookmark-Service Ma.gnolia geht vom Netz, nachdem ein Großteil seiner Bookmarks verloren ging. Pageflakes, der personalisierte Startseiten-Anbieter, muss ebenso offline gehen wie das Videoportal Revver (die beiden letzteren sind mittlerweile wieder in Betrieb). Die Beispiele zeigen: Wer seine Daten ins Netz stellt, hat keine Sicherheit, dass sie dort auch stets abrufbar sind. Im schlimmsten Fall gehen sie unwiderbringlich verloren.

Dennoch, der Trend ist ungebrochen: Eigene Dateien landen immer häufiger im Netz. Fotoalben werden auf Flickr angelegt, Texte als GoogleDocs gespeichert, Kontakte auf Facebook verwaltet. Die Festplatte des eigenen Computers verliert an Bedeutung. "Cloud Computing" heißt das Schlagwort. Anwendungen und Daten befinden sich nicht mehr auf dem eigenen Rechner, sondern auf so genannten Servern. Der ans Internet angeschlossene Computer holt sie von dort, verwendet sie und am Ende landen die Daten wieder auf dem Server.

Das ist eigentlich eine feine Sache. Denn nichts ist unsicherer als der eigene Rechner. Der kann gestohlen, Daten aus Versehen gelöscht werden, Hardware kaputt gehen. Server sind sicherer. Sie befinden sich in der Regel immer am gleichen Ort (im Gegensatz zum Beispiel zu Laptops) und werden meist von Profis verwaltet und gewartet. Dennoch: Garantien gibt es nie. Und die Unternehmen denen die Server gehören sichern in der Regel gegen Ansprüche bei Datenverlust ab. Wo Informationen gespeichert werden, können Informationen verloren gehen. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit. Das Problem ist, dass unser heutiges Wissen gleich von drei Seiten bedroht wird.

1) Wissensverlust durch menschliches Versagen. Die Dimension der Schäden die beispielsweise in Unternehmen entstehen, ist unüberschaubar. Weil keine Firma gerne öffentlich macht, wenn ihr eine Datenpanne passiert. In einer Studie bei 21 britischen Unternehmen aus der Finanzbranche wurden die Schäden größerer Datenverluste untersucht. Die finanzielle Belastung pro Datenpanne lag bei 1,8 Millionen Euro.

2) Wissensverlust durch Materialermüdung. Die Dimension dieses Problems ist heute noch nicht abzusehen. Denn die meisten Techniken der Datenspeicherung sind noch keine 100 Jahre alt. Woher sollen wir beispielsweise wissen, wie lange die Daten im USB-Stick erhalten bleiben? Oder: Wie lange hält eine CD? Weniger lange jedenfalls als viele denken, sagen Wissenschaftler. "Selbstgebrannte Datenträger sind kein Archiv, sondern nur ein Verbrauchsmedium, dass sich höchstens zum Transport von Daten eignet", warnt Matthias Hemmje, Professor für Multimedia- und Internetanwendungen der Fernunsiversität Hagen in der Wirtschaftswoche. Und ein Test des IT-Fachmagazins "c't" zeigte jüngst, dass viele der silbernen Speichermedien unter simulierten verschärften Klimabedingungen nur wenige hundert Stunden halten. Unter Normalbedingungen schätzt "c't" die zuverlässige Haltbarkeit nur auf drei bis fünf Jahre? Soll man jetzt etwa alle paar Jahre seine komplette CD-Sammlung kopieren? Eine Lösung lässt auf sich warten.

3) Wissensverlust durch technischen Fortschritt. Die stetige Weiterentwicklung von Datenspeicher- und Datenabspiel-Medien löst das Probleme aus. Womit VHS-Kassetten anschauen, wenn der DVD-Spieler den Videorekorder ersetzt hat? Womit die alten Magnetbänder hören, die auf dem Speicher liegen? Was tun mit den Schellackplatten, welche die Großmutter ihren Enkeln vererbt?

Keine Frage: Alte Techniken der Informationsspeicherung haben Vorteile. Wir wissen heute, was Menschen vor 6000 Jahren in Tontafeln geritzt haben. Wir entziffern Texte, die vor 2000 Jahren auf Papyrus geschrieben wurden. Weil es zum Entziffern nur die Augen und das Verständnis der Schrift braucht. Elektronische Speichermedien aber benötigen komplexe Technik, um dem Menschen die Informationen zugänglich zu machen. Geht das Wissen um diese Technik verloren, wird das Wissen auf den Speichermedien unbrauchbar.

Würde man die Datenmenge alles digital gespeicherten Wissens auf CDs pressen, wäre der Stapel 200 000 Kilometer hoch. In drei Jahren wird sich die Menge verdoppelt haben. Wir erfinden stetig Neues, immer mehr und immer öfter. Was aber noch fehlt, ist eine überzeugende Strategie, um dieses Wissen zu konservieren, um es für nachfolgende Generationen zu bewahren. Nie war der Wissenzuwachs größer, nie aber auch die Gefahr, dieses Wissen wieder zu verlieren. Vielleicht sollten wir wenigstens Liebesbriefe in Zukunft wieder auf Papier schreiben.

Mittwoch, 4. Februar 2009

Content sells!

Geld verdienen mit Inhalten: Wie sich im Internet trotz Wirtschaftskrise neue Geschäftsmodelle etablieren


So viel Erfolg bei Frauen wie Amir Arora hat noch keiner gehabt. Und was bei Frauen funktioniert, soll jetzt auch bei Männern klappen. Arora ist der Gründer der erfolgreichsten amerikanischen Webseite für Frauen, glam.com. Die Themen dort sind die üblichen: Mode, Gesundheit, Lifestyle. Seit neuestem betreibt der Inder aus Neu Delhi auch ein männliches Pendant: die Webseite heißt brash.com (engl. brash = keck, frech, dreist). Die dominierende Farbe dort ist nicht pink wie bei Glam, sondern blau, und auch sonst erfüllt die Seite jedes Klischee. Die Inhalte: Autos, Fitness, Computer, Games und Schauspielerinnen.

Glam Media, so der Name des Unternehmens dahinter, bietet auf den ersten Blick nichts, was es nicht woanders auch gibt. Und doch gibt es einen Unterschied zu vielen anderen Angeboten: Glam Media hat Erfolg. Der Wert des Unternehmens wird auf 500 Millionen Dollar geschätzt; glam.com ist unter den Top10 der meistbesuchten Webseiten in den USA.

Der Erfolg hat seine Ursache in einem ganz besonderen Geschäftsprinzip: Glam erstellt seine Inhalte nicht selbst, sondern integriert bestehende kleine Webseiten und Blogs in seinem eigenen Auftritt. Glam betreibt also eine Art Zweitverwertung und fasst Inhalte zusammen. Sowohl Glam als auch die Blogger profitieren von dem Deal: Die Blogbetreiber bekommen durch die Integration erhöhte Aufmerksamkeit und erhalten die Hälfte der von Glam erwirtschafteten Werbeeinnahmen; auf der anderen Seite erspart sich Glam die Erstellung eigener Inhalte.

Mit einem ähnlich Prinzip erfolgreich: die Huffington Post. Das linksliberale Portal mit vorwiegend politischen Inhalten ging am 9.Mai 2005 online. Heute ist es das einflussreichste Alternativ-Medium der USA. Das Prinzip ist ähnlich wie bei glam.com: Es schreiben vor allem Blogger, und auf der Startseite werden die interessantesten Inhalte der Autoren gezeigt. Außerdem sammelt Huffington Post mitteilenswerte Inhalte im gesamten Netz und präsentiert sie ebenfalls auf ihrer Startseite. 200 Millionen Dollar soll das Portal wert sein; seit 2007 ist man nach Angaben ihres Co-Gründers Ken Lerer "aus den roten Zahlen".

Inhalte für die breite Masse hat es aber schon vor dem Internet gegeben. Randpublikationen, Texte, für die sich nur eine Minderheit interessiert, hatten es viel schwerer. Die Druckkosten pro Exemplar sind bei einer kleinen Auflage deutlich höher und die Verbreitung schwieriger, schon deshalb weil die potentiell Interessierten von den Publikationen früher oft gar nicht wussten. Heute stehen die Informationen nur einen Klick weit entfernt. "Insgesamt scheinen die Geschäftsmodelle von Fachverlagen und Special-Interest-Publikationen am besten in ein digitales Format konvertierbar zu sein", schreibt die Unternehmensberatung Deloitte in einer aktuellen Studie mit dem Titel "Herausforderung Media 3.0 - Verlage und ihre digitalen Geschäftsmodelle". 80 Prozent aller publizistischen Inhalte seien Nischenprodukte, schätzt Deloitte, und diese könnten durch das Internet erstmals einfach vertrieben werden. "Da Fachpublikationen über einschlägige Online-Portale für Kunden leichter zu identifizieren sind als in der physikalischen Welt, eröffnet sich Fachverlagen über ihren Online-Auftritt zusätzliches Wachstumspotential."

Außerdem setzt sich bei Fachpublikationen zunehmend der Verkauf digitaler Bücher, der so genannten E-Books, durch. Hohe Druckkosten bei geringen Auflagen werden so ganz vermieden. So hat zum Beispiel "Springer Science und Business Media", einer der führenden Anbieter von Wissenschaftsliteratur weltweit, gerade bekannt gegeben, dass auf seiner Internet-Plattform mittlerweile 30.000 E-Books zu beziehen sind.

Amir Arora von Glam erobert derweil auch außerhalb der USA die Frauenwelt: Seit Mitte 2008 gibt es mit der Glam Media GmbH auch einen deutschen Ableger. Ein Joint Venture mit der Burda-Tochter Burda Cross Media betreibt die Seite glam.de und ist nach eigenen Aussagen bereits die Nummer eins. Arora jedenfalls ist schon heute potentieller Milliardär. Bereits im vergangenen Juni hat es Meldungen über ein Angebot in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar gegeben. Der Glam-Chef schwieg und ließ verkünden "Wir arbeiten gegenwärtig nicht aktiv an einer Ausstiegsstrategie." Warum auch? Das Geschäftsmodell scheint auf viele Länder übertragbar zu sein. Vermutlich wird Arora noch viel Erfolg bei Frauen haben.

Freitag, 30. Januar 2009

Wie wir arbeiten werden

Der Journalismus legt die Ketten ab: Über die Zukunft eines Berufszweigs

Es gab mal eine Zeit, da war die Presse ein ganzer Industriezweig. Das Geschäft mit der Nachricht ernährte die unterschiedlichsten Handwerker: Schriftsetzer, Seitenbauer, Lithografen, Drucker, auch Abschreiber und Austräger. In der digitalen Welt sind die meisten Berufe verschwunden. Zum Publizieren braucht es nur noch eines: Inhalt. Darüber hinaus höchstens Programmierer und Gestalter; um das Angebot ansprechend zu präsentieren.

"Paper were things. Now they're thoughts", beschreibt der amerikanische Journalist und Blogger Jeff Jarvis den Wandel. Nur an den Journalisten selbst ging die Veränderung jahrzehntelang vorbei. Jetzt stecken die Verlage in der Krise. Und mit ihr ihre Angestellten. Das ist bekannt. Aus Redaktionen werden Zentralredaktionen, aus Büros Newsdesks. Die Worte sind Euphemismen. Der Klartext lautet: Redaktionen schrumpfen, Personal wird entlassen. Den Verlegern Vorwürfe zu machen, greift zu kurz. Es sind die Bedingungen, die sich geändert haben.

Es wird schlicht weniger verdient. Printauflagen fallen und die Anzeigenerlöse im Internet fangen die gesunkenen Einnahmen aus dem Verkauf der Papierprodukte in keiner Weise auf. Die Reaktion der Verlage: Sparen durch Abbau. Viel mehr ist den Verlagen bisher nicht eingefallen – das vielleicht kann man den Verlagen vorwerfen. Die mangelnde Kreativität. Aber das ist in der Geschichte der Wirtschaft keine Besonderheit. Selten geht die Innovation von den Konzernen aus. Viel zu schwerfällig. Viel zu wenig Unternehmerehrgeiz in den Konzernetagen mit ihren Angestelltenbüros. Das Neue kommt von außen. So ist es meisten. So könnte es auch in der Medienbranche sein.

Wie gesagt, die Pressekrise ist bekannt und oft genug beschrieben worden. Interessanter als die Bestandsaufnahme ist die Prognose, der Blick in die Zukunft. Welche Formen des Journalismus wird es in fünf Jahren geben? Welches Geschäftsmodell wird Erfolg haben?

Meine Überzeugung vorneweg:

Der Journalismus der Zukunft wird ein besserer sein. Er wird kompetenter, einzigartiger, interessanter. Der Umbruch, ist ein notwendiger. Er basiert nämlich nur auf den ersten Blick auf wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Sie aber haben ihre Ursache in überkommene Strukturen. Die werden nun weggefegt. Das Bessere war schon immer der Feind des Guten. Und wie immer während eines Strukturwandels wird es Gewinner und Verlierer geben. So viel lässt sich schon heute sagen: Gewinnen wird der Journalismus und mit ihm die Journalisten, verlieren werden die Verlage.

Die Begründung der Überzeugung:

Der aktuelle Arbeitsalltag der meisten Journalisten ist ein Anachronismus. Es basiert auf den Bedingungen einer vergangenen Epoche. Die Verlage arbeiten, als sei das Internet noch nicht erfunden. Am Morgen fahren die Redakteure in ihre Redaktionen, setzen sich an ihre Schreibtische, schalten ihre Computer an (oder gibt es irgendwo noch Schreibmaschinen;-)), konferieren in Konferenzräumen und liefern am Abend ihre Inhalte ab. Danach ist Dienstschluss.

Diese Arbeitsweise wird in zweifacher Hinsicht den heutigen Notwendigkeiten nicht mehr gerecht:

1) Die hohen Kosten der Infrastruktur sind überflüssig. Um journalistisch arbeiten zu können, braucht es in erster Linie einen Computer, einen Internetanschluss, ein Telefon - nichts also, was nicht sowieso jeder zu Hause hat. Was sich deshalb verändern wird: Die Arbeit wird in Zukunft dezentraler organisiert werden. Man spart sich Kosten für die Infrastruktur (Gebäude, Miete, Computer); auf der anderen Seite werden die Journalisten freier, weil sei nicht mehr jeden Morgen zur gleichen Uhrzeit am gleichen Ort erscheinen müssen. Was zählt ist das Ergebnis.

2) Der Output der herkömmlichen Arbeitsweise ist ungenügend: Durchschnittsware massenhaft! Die meisten Redaktionen arbeiten noch als seien sie Monopolisten der Information. Mehr als 100 Redaktionen treffen sich in Deutschland Morgen für Morgen zur Konferenz, diskutieren über die gleichen Themen. Danach setzen sich die Redakteure an ihre Computer und schreiben ihre Geschichten – die Ergebnisse sind in der Mehrzahl austauschbar.

Angela Merkel hält in Berlin eine Regierungserklärung und die Newsportale berichten darüber, alle. Und am nächsten Tag stehen Artikel im Nordkurier und im Südkurier und in weiteren 100 Zeitungen. Weil man noch immer so arbeitet wie vor dem Zeitalter des Internet. Als fast jeder Leser nur eine Zeitung kannte und las, und deshalb gar nicht wusste, was woanders stand. Das Internet aber macht jede Information jedem zugänglich. Die massenhafte Berichterstattung in fast identischer Weise ist damit überflüssig. Sie wird es deshalb nicht mehr lange geben.

Was sich verändern wird. Es wird geschehen, was in jeder anderen Branche in der gleichen Situation auch passiert: Die Unternehmen versuchen sich von der Konkurrenz abzusetzen, indem sie besser oder anders werden.

Für qualitativ hochwertigere Inhalte aber muss sich der Arbeitsprozess vieler Journalisten ändern, vor allem vieler Online-Journalisten. Sie werden bald nicht mehr in Redaktionen sitzen und Themen zugewiesen bekommen, heute über die Finanzkrise, morgen über Handytests und übermorgen über ein Theaterstück – mit dem stetige Begleiter des Halbwissens im Handgepäck. Diese Form des Journalismus mag der Leser akzeptiert haben, als das Medienangebot eingeschränkt war. In der Internetzeit verzichtet er auf derartige Inhalte dankend. Weil er im Netz mehr Kompetenz findet: Den Ökonomen, der die Ursachen der Wirtschaftskrise aufschlüsselt; den hauptberuflichen Tester, der die Schwächen der Handys en detail beschreiben kann; den einschlägigen Theater-Kritiker, der die Schauspieler persönlich kennt.

Deshalb: Die Zukunft des Journalismus verbindet Fachwissen mit dem Können, dieses anschaulich zu vermitteln. Gut möglich, dass diese Aufgabe zunehmend Blogger ausfüllen. Sie sind Experten auf ihrem Gebiet. Sie haben gelernt sich mitzuteilen. Sie diskutieren mit ihren Usern. Ihr Interesse für ein Thema endet nicht mit Dienstschluss. Geschichten werden weitergedreht, fortgeführt, erleben neue Wendungen, auch mit Hilfe der Blogleser. Außerdem: Blogger schreiben häufig nicht hauptberuflich. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit tragfähiger Geschäftsmodelle. Wer einem Blogger 1000 Euro im Monat für seine Inhalte bietet, wird auf Dankbarkeit stoßen; ein Redakteur in Vollzeit kann davon nicht leben.

Außerdem: Im Journalismus wird zunehmend Suchkompetenz verlangt. Es schreiben in Zukunft nicht mehr 100 Redakteure mit ähnlicher Kompetenz über die gleichen Themen. Jeder schreibt, worüber er am meisten weiß. Alles andere wird verlinkt. Dafür muss man die besten Inhalte im Netz aufspüren. Und das Netz ist nahezu grenzenlos. Das verlangte viel Wissen.

Und die Verlage? Die Hürde des Publizierens ist nicht mehr vorhanden. Die Folge: Journalisten können erstmals selbst publizieren und damit - zumindest theoretisch - ein Millionenpublikum erreichen. Es muss kein Papier gekauft, keine Druckmaschine gemietet, kein Austräger bezahlt werden. Der Journalist wird gleichzeitig Publizist und Verleger.

Allerdings werden es Einzelkämpfer auch in Zukunft schwer haben. Die meisten Blogs erhalten nur eine beschränkte Aufmerksamkeit. Sie werden häufig von Fachleuten für Fachleute geschrieben. Der Musiknerd schreibt für Musiknerds, der Volkswirt für Volkswirte, der Kinofreak für Kinofreaks. Dabei steht Vieles in Blogs, was Viele interessieren könnte; aber eben nicht zu jeder Zeit und nicht jeder Inhalt. Hier liegt das Geschäftsmodell der Zukunft: Blogger/Journalisten schließen sich zu Netzwerk zusammen. Jeder Autor behält seinen Blog, präsentiert diesen aber auf gemeinsamen Plattformen.

Eine Plattform präsentiert somit alle relevanten Inhalte eines Nachrichtenportals. Auf der Startseite wird aus der Vielzahl der Experteninhalte, die zu einer bestimmten Zeit besonders interessierenden Inhalte angezeigt. Nach einem Flugzeug-Absturz wird ein Post des Verkehrsexperten angerissen, wo dieser erklärt, warum das Unglück nicht abwendbar war. Zum Kinostart eines Blockbuster-Films wie „Operation Wallküre“ diskutiert der Kinofilm-Blogger die Besetzung der Hauptrolle mit Tom Cruise. Zeigt man darüber hinaus noch die besten Inhalte anderer Webseiten an, erhält man mit überschaubarem Aufwand ein umfassenden Nachrichtenportal mit außerordentlich kompetenten Inhalten. Das Beste vom Besten. Ein Verlag braucht es dafür nicht, auch deshalb, weil die Vermarktung des Portals extern vergeben werden kann. Alles was nötig ist: ein Netzwerk von Journalisten.

Zusammenfassung der zukfünftigen Veränderungen im Journalismus:
* Die massenhafte Anfertigung fast identischer Inhalte wird einer größeren Differenzierung und einer besseren Qualität weichen.
* Journalisten benötigen stärker als bisher Fachwissen und werden ihre Veröffentlichungen auf dieses Gebiet konzentrieren
* Journalisten benötigen stärker als bisher Suchkompetenz, um jene Inhalte, die sie nicht selbst erstellen, im Netz zu finden und gesammelt zu präsentieren.
* Der bei einem Verlag angestellte Journalist, der jeden Morgen ins Büro fährt, wird es zunehmend weniger geben. Weil die Infrastruktur nicht nötig ist, weil es grundsätzlich Verlage zum Publizieren immer weniger braucht.

Mittwoch, 28. Januar 2009

Ohne Moos was los

Job verloren? Praktisch pleite? Kein Problem! Zumindest in der digitalen Welt kann man fast ohne Geld überleben.

Es könnte in Deutschland eine halbe Million treffen. So viele Menschen werden nach Schätzung der Bundesregierung im Laufe des Jahres in Folge der Wirtschaftskrise zusätzlich arbeitslos werden. Insgesamt wären es dann 3,5 Millionen.

Wen es trifft, der muss lernen mit weniger auszukommen. Weniger Urlaub, weniger Ausgehen, weniger Luxus. Auch weniger Kommunikation? Weniger Information? Weniger digitales Leben?

Im Internet gibt es vieles umsonst. Musik, Information, Speicherplatz. Was man vor Jahren noch kaufen musste, erhält man heute kostenlos. Eigentlich fast alles, wenn man etwas intensiver sucht. Nur für die Grundausstattung will bezahlt sein: der Computer, der Handy-Vertrag, der Internetzugang. Ersteres ist, seit es die kleinen Minicomputer gibt, ab 200 Euro zu haben, achtet man auf Qualität, ist man ab 400 Euro dabei. Handy-Vertrag und Internet-Flatrate für daheim gibt es jeweils ab rund 20 Euro im Monat. Das ist die Basis. Darunter geht es kaum. Mehr aber braucht es nicht. Hier eine Liste aller wesentlichen Dienste, die man benötigt, um in der digitalen Welt dabei zu sein.


Software für 0 Euro!
Wer den Marktführer kauft, wird arm. Keine Software ist weiter verbreitet als das Standardpaket "Office" von Microsoft mit Textverarbeitung (Word), Tabellenkalkulation (Excel) und Präsentation (Powerpoint). Wer es kauft zahlt 549 Euro. Fast genauso umfangreich aber ist zum Beispiel Open Office, Kostenpunkt hier: 0 Euro. Nicht nur für Standard-Anwendungen gibt es mittlerweile Freeware-Alternativen. Täglich kommen neue kostenlose Programme auf den Markt, für fast sämtliche Anwendungen. Wer hier auf dem Laufenden bleiben will, der kann das prima bei heise.de tun. Außerdem: Der Trend geht weg vom Download der Software auf den eigenen Rechner, hin zur Webapplikation, bei der man über den Internet-Browser die Anwendung bedient, wofür diese nicht auf den Computer geladen werden muss. Der große Vorteil: Flexibilität. Die Anwendung kann von jedem Computer mit Internetzugang verwendet werden.

Mein Favorit: Google Docs. Ersetzt Word, Excel und Powerpoint, zumindest dessen Grundfunktionen. Dass es nur die Basics des großen Bruders von Microsoft hat, bringt einen weiteren Vorteil mit sich: Google Docs ist leicht zu verstehen. Außerdem taugt es hervorragend, wenn mehrere Personen an einem Dokument arbeiten wollen. Die Share-Funktion ist simple und zuverlässig.


Musik soweit der Klick reicht!
Langsam wird es schwierig, die Übersicht über alle Musikanbieter zu behalten. Deezer, Spotify, Simfy heißen drei von vielen Angeboten, die dem Platzhirsch last.fm Konkurrenz machen. Im Grunde gibt es zwei unterschiedliche Modelle. Bei Angeboten wie last.fm hört man Musik nach Stilen. Man kann dort keine Songs explizit auswählen und abspielen, sondern nur Musikrichtungen bestimmen. Bei anderen Angeboten wie Simfy, lädt man dagegen seine eigene Musik ins Netz und teilt sie so mit ausgewählten Freunden.

Mein Favorit: laut.fm aus Konstanz. Das Konzept besteht aus einer Mischung der beiden oben genannten Varianten. Nutzer können kostenlos einen individuellen Radiostream erstellen und im Netz verbreiten. Die verwendeten Tracks kommen dabei sowohl aus dem Musikkatalog von laut.fm als auch von der Festplatte des Anwenders. Nicht zu vergessen: Natürlich gibt es auch das gute alte Radio im Internet. Alle Sender, alle Streams, alle Infos zu den Sendungen findet man gut aufbereitet bei radio-today.


Fernsehen ohne Fernseher!

Fast jeder Fernsehsender bietet mittlerweile Teile seines Fernsehprogramms in so genannten Mediatheken an. Fernsehen on Demand sozusagen. Die Auswahl aber ist meist sehr überschaubar. Besser ist dran, wer einem Computer inklusive DVBT-Empfänger hat. Der macht den Computer zum Fernseher. Ansonsten braucht es einen externen DVBT-Empfänger, der über USB angeschlossen wird. Kosten: ab 30 Euro .

Mein Favorit: Zattoo. Mit diesem kostenlosen Programm kann man Fernsehen über das Internet schauen. Alle öffentlich-rechtlichen Sender sind hier vertreten, inklusive seiner Spartenprogramme wie ZDF-dokukanal, Arte oder 3sat. Die Qualität von Bild und Ton ist mittlerweile akzeptabel. Allerdings: Von der GEZ ist man nicht befreit, wenn man über das Internet fern sieht.


Bleibe in Kontakt!
Wer-kennt-wen, StudiVZ, Facebook - Nie war es einfacher, mit seinen Freunden rund um den Globus in Kontakt zu bleiben. Für umme. Sämtliche Community-Portale verlangen, zumindest in ihrer Basisvariante, kein Geld. Das Gleiche gilt für alle anderen Kommunikationsformen im Internet. E-Mailen, Chatten, Telefonieren - für nichts muss heute noch bezahlt werden.

Meine Favoriten: Skype fürs Chatten und Telefonieren (auch Videotelefonie!); weil die Sprach- und Bildqualität akzeptabel und die Verbreitung der Software groß ist (letzteres ist entscheidend, denn der Gesprächspartner muss die gleiche Software verwenden). Facebook für den stetigen Austausch mit Freunden; weil es die meisten Funktionen bietet, zum Beispiel: Videos, die man bei Youtube favorisiert, werden automatisch im eigenen Facebook-Profil angezeigt. Nette Kleinigkeiten eben.


Sag Deine Meinung!
Jeder kann heute sein eigener Verleger sein. In Deutschland betreiben laut der Allensbacher Computer- und Technik-Analyse 8,4 Prozent der Internetnutzer ein eigenes Blog. Es braucht keine 20 Minuten, um ein solches Blog anzulegen. Das kostet bei den meisten Bloganbietern nichts. Nur wer zum Beispiel besonders viel Speicherplatz benötigt, muss extra zahlen.

Meine Favoriten: Der Marktführer Wordpress, sowie das 2003 von Google übernommene Unternehmen Blogger. Bei beiden Anwendungen braucht man keine Programmierkenntnisse, kann unter einer Vielzahl von Layouts wählen und hat dank der Übersichtlichkeit der Anwendungen schnell seinen ersten Text online stehen.


Organisiere und speichere Dein Leben!
Es ist ein Glaubenskrieg. Die einen schwören auf Papier und schreiben deshalb alle ihre Notizen, Termine, Aufgaben auf Blöcke oder in Büchlein. Die anderen organisieren ihre Leben mit Hilfe des Netzes. Beides kostet wenig bis gar nichts.

Meine Favoriten: toodledo und zenbe. Letztere Anwendung hat zudem eine komfortable Kalender- sowie E-Mail-Verwaltungsfunktion und speichert außerdem Dateien.

Apropos „Dateien speichern“: Nichts ist wichtiger als regelmäßig seine Daten zu sichern. Man kann das als Backup auf einer externen Festplatte tun oder über das Internet. Einfacher als Dropbox bietet das zur Zeit keiner an. Lädt man die Anwendung auf seinen Rechner, installiert sich automatisch ein Ordner. Alles was man in diesen Ordner legt, wird zum einen auf dem eigenen Rechner, zum anderen über das Internet auf einem Dropbox-Server gespeichert. Zudem ist es ein Kinderspiel, Dropbox-Ordner zu „sharen“, also die Dateien darin auch mit anderen zu teilen. Bis zu einer Datenmenge von 3 GB zahlt man dafür nichts.

Mittwoch, 21. Januar 2009

Neue Töne

Die Musikbranche kämpft ums Überleben, mit dem einzigen was sie retten kann: frischen Ideen

Am Samstag ist es wieder soweit, um 20 Uhr. Die Berliner Philharmoniker spielen auf, Robert Schumann, Violinenkonzert d-Moll, unter anderem. Das Konzert ist ausverkauft. Wie meistens. Die Auslastung liegt bei 98 Prozent. Und trotzdem kann jeder dem Konzert folgen, mit Augen und Ohren - im Internet. Denn seit wenigen Wochen übertragen die Berliner Philharmoniker ihre Konzerte auf einer eigenen Webseite. Sie nennen sie die "Digital Concert Hall". Für 9,90 Euro der Abend.

Die Idee ist nicht neu. Vergangenen Sommer wurde die Aufführung der "Meistersinger von Nürnberg" bei den Bayreuther Wagner-Festspielen via Internet übertragen - für 49 Euro.

An allen Ecken und Enden sucht die Musikbranche nach neuen Einnahmequellen. Sie hat es bitter nötig. Das über Jahrzehnte prächtig funktionierende Geschäftsmodell, Tonträger der von den Plattenfirmen ausgewählten Interpreten zu verkaufen und damit die Kassen klingeln zu lassen, bricht zusammen. In den USA zum Beispiel ist der Verkauf von CDs 2008 im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent eingebrochen.

Zwar steigt in ähnlicher Größenordnung die Zahl der legalen Musikdownloads. Doch im Grunde vergleicht man Äpfel mit Birnen. Werden im Internet vor allem einzelne Songs runter geladen, werden bei CDs meist ganze Alben verkauft. Eine CD entspricht damit rund 10 Internetdownloads. „Man kann mit den reinen Umsatzstückzahlen zufrieden sein“, sagt der Chart-Chef vom „Billboard Magazine“, Silvio Pietroluongo, „aber das Modell ist im wesentlichen auf den Verkauf ganzer Alben gestützt, und der geht weiter zurück.“

Das alte Geschäftsmodell taugt nicht mehr. Das ist seit Jahren bekannt. Vor allem wegen der nicht einzudämmenden Zahl an illegalen Downloads. Für 95 Prozent der Lieder wird im Internet nicht bezahlt, beklagt der Weltverband der Phono-Industrie. Aber erst jetzt, mit dem Rücken zur Wand, entwickelt die Musikkonzerne neue Geschäftsmodelle. Sie übertragen Konzerte im Internet, gegen Gebühr, oft auch werbefinanziert. Sie kooperieren mit einer wachsenden Zahl an Online-Musikdiensten wie Last-FM und erhalten dafür Lizenzgebühren. Sie verkaufen Musik an Handy-Hersteller wie Nokia, die ihre Geräte dafür mit einer umfangreichen Liedersammlung ausstatten dürfen. Sie kümmern sich verstärkt um Live-Auftritte ihrer Künstler. Sie schließen sich zusammen, um eine gemeinsame Onlineplattform für Musikvideos zu gründen. Sie verbessern die Musikqualität der Downloads und des sofort Hörens per Stream, um neue Kunden zu gewinnen.

Erste Erfolge zeigen sich bereits in den Bilanzen. Die konkreten Branchenzahlen will der Bundesverband Musikindustrie erst Ende März vorlegen, so viel aber hat er schon jetzt verraten: 2008 hatte die Branche in Deutschland nur ein "kleineres Umsatzminus im einstelligen Bereich" zu verkraften. Was vor allem daran liege, dass die Gewinne aus Lizenzen, Konzerten und Merchandising angestiegen sind. Offensichtlich hat die Musikbranche zwar den Kampf gegen illegale Musikdownloads verloren, diese Niederlage aber hat ihr die Augen für neue Formen der Vermarktung geöffnet. Das Requiem für die Musikindustrie jedenfalls muss so schnell nicht gespielt werden. Vielleicht braucht es bald ein ganz neues Stück. Vielleicht eine Ode an das Internet.

Mittwoch, 14. Januar 2009

Kaufst Du noch, oder mietest Du schon?

Softwarekonzerne wie Microsoft und SAP müssen umdenken - Ihr altes Geschäftsmodell hat ausgedient

Satyam fällt aus dem Rahmen. Denn die Branche hat Betrug eigentlich nicht nötig. Es geht ihr gut. Vielleicht ging es Satyam nicht gut genug. Oder zu gut. 53 000 Menschen arbeiten für den indischen Software-Riesen. Dessen Gründer und Chef Ramalinga Raju hatte vergangene Woche zugeben müssen, über Jahre Geschäftszahlen massiv geschönt zu haben. Von den 53,6 Milliarden Rupien (800 Millionen Euro), die Satyam als Vermögenswerte in der Bilanz führe, seien 50,4 Milliarden fiktiv, räumte Raju in einem Brief an den Verwaltungsrat und die Börsenaufsicht ein und trat noch am selben Tag zurück. Die Satyam-Aktien stürzten um 80 Prozent ab (mehr zum Bilanzskandal, hier).

"Ich habe einen Tiger geritten, ohne zu wissen, wie ich absteigen kann, ohne gefressen zu werden", schreibt Raju in dem Brief. Er habe die Zahlen geschönt, um eine Übernahme Satyams zu erschweren.

Wie gesagt, eigentlich hat die Software-Branche einen solchen Betrug nicht nötig. In Deutschland zum Beispiel rechnet der Branchenverband Bitkom damit, dass trotz Wirtschaftskrise der Umsatz mit und rund um Software dieses Jahr um 3,1 Prozent auf 48,5 Milliarden Euro zulegen wird.

Weltweit hat der Markt allein für Unternehmenssoftware 2008 die 230 Milliarden-Dollar-Marke erreicht. Das entspricht einem Zuwachs von 13,9 Prozent. 2009 sollen es weitere 6,6 Prozent sein, prognostiziert die Unternehmensberatung Gartner laut der Fachseite IT-Times. Doch die sonnigen Zeiten könnten bald vorbei sein. Denn die Branche steckt mitten im Umbruch. Und dieser Umbruch hat einen kryptischen Namen: SaaS. Es ist die Abkürzung für „Software as a Service“ und meint ein Geschäftsmodell, bei dem Software lediglich als Dienstleistung bereitgestellt wird, in der Regel als Anwendung im Browser, also über das Internet.

Früher wurde Software in CD-Form verkauft. Handelte es sich um Firmensoftware musste diese auf dortigen Servern installiert werden. Damit die Buchhaltung erledigt, die Produktion geplant, die Aufträge verwaltet werden konnten. Viel Computertechnik war dafür in den Betrieben notwendig. Es musste installiert, angepasst und gewartet werden.

Zunehmend wird Software webbasiert angeboten. Die Mitarbeiter der Unternehmen müssen nur noch die entsprechende URL im Browser eingeben und schon kann mit der Anwendung gearbeitet werden. Die Software hierfür wird meist nicht mehr verkauft, sondern lizenziert, also für die Zeit der Nutzung vermietet.

Für den Lizenznehmer ist das praktisch, weil die Kosten überschaubar, hohe Anfangsinvestitionen nicht nötig sind. Einer Studie der Unternehmensberatung Saugatuck Technology zufolge mieten mittlerweile fast 40 Prozent aller Unternehmen webbasierte Software. Bis 2010 soll der Anteil auf 65 Prozent steigen.

Die Software-Firmen müssen ob dieser Entwicklung gleich mehrfach umdenken. Basis-Software fürs Internet gibt es heute meist als Open-Source, also kostenlos; weil Software-Entwickler weltweit an den Programmen mitschreiben. Darauf aufbauend, können einfachere Programmiersprachen verwendet werden als beim Programmieren kompletter Software-Produkte. Es werden folglich weniger hochqualifizierte Programmierer gebraucht. Die Entwicklungskosten für Software fallen dadurch um den Faktor 10, schätzt die Fachseite netzwertig.com.

Hinzu kommt die nicht mehr benötigte technische Infrastruktur vor Ort, womit für die Software-Firmen Einnahmemöglichkeiten für Aufbau und Wartung entfallen. Doch die größte Gefahr droht den etablierten Konzernen von noch unbekannter Seite. Nämlich von all jenen Firmen die es aktuell noch gar nicht gibt, oder die gerade entstehen. Einstiegsbarrieren für Software-Ersteller gibt es kaum noch. "Dank der stark gesunkenen Kosten können jetzt ein paar Programmierer ohne große Finanzierung durchaus ein sehr leistungsfähiges Produkt auf die Beine stellen, was früher kaum möglich gewesen wäre", meint Andreas Göldi von netzwertig.com. Die Konkurrenz in der Branche wird also zunehmen. Software-Riesen wie SAP oder Microsoft werden unter Druck geraten – zum Vorteil für die Kunden: die Auswahl nimmt zu, die Preise fallen.

Mittwoch, 7. Januar 2009

Der Schatz im Silbersee

Wer über 50 ist, gehört im Internet zur Gruppe der Silversurfer - Noch sind es wenige, bald wird sich jeder um sie reißen

Das Internet hat unser Leben verändert, heißt es. Ein Leben ohne das World Wide Web ist nicht mehr vorstellbar, sagt man. Digitale Informationen begleiten uns stetig, verkündet die Werbung.

Die Realität ist eine andere: Nur wer mit dem Internet groß geworden ist, nutzt es intensiv und selbstverständlich. Die anderen lassen die Finger davon. Zumindest in ihrer Freizeit. 71 Prozent der über 55-Jährigen in Deutschland bewegen sich privat gar nicht oder nur selten im Internet. Das ist ein Ergebnis einer Studie der BAT Stiftung für Gesellschaftsfragen. Bei den 14- bis 29-Jährigen ist es umgekehrt: 71 Prozent nutzen in der Freizeit das Internet mindestens einmal die Woche.

Bisher verändert das Internet demnach weniger den Einzelnen als vielmehr die Gesellschaft, genauer gesagt das Leben der Generationen. Wer dieses Jahr mit dem Studium beginnt, hat ein Leben ohne das Internet nicht gekannt. Die Generation davor hätte die Buchstabenfolge "www" noch für einen missglückten Tastenanschlag auf der Schreibmaschine gehalten. Das Wissen der Welt stand im Eicheschrank des elterlichen Wohnzimmers. Und für diese Generation hat sich wenig geändert, sieht man davon ab, dass der Eicheschrank nun im eigenen Wohnzimmer steht.

Aber was ist mit jenen 29 Prozent der über 55-Jährigen, die mindestens einmal pro Woche im Netz sind? Sie nutzen das Web, als sei nicht 2009, sondern noch immer die 90er Jahre. Wer älter und regelmäßig im Internet ist, schreibt Mails oder surft allgemeine Webseiten an. Das, was das neue Internet ausmacht und gemeinhin als Web 2.0 bezeichnet wird, kennt er nur vom Hörensagen - wenn überhaupt.

Die ARD/ZDF-Onlinestudie ist die größte regelmäßige Untersuchung zum Internetverhalten der Deutschen und sie sagt folgendes: Nur ein Prozent der über 60-Jährigen regelmäßigen Internet-Nutzer hat sich Blogs wenigstens einmal angesehen; nur ein Prozent hält sich zumindest ab und zu in virtuellen Spiele-Welten wie Second Life auf; nur ein Prozent ist in Communities wie Facebook oder MeinVZ immerhin halbwegs aktiv; nur ein Prozent nutzt Fotosammlungen wie von Flickr; nur ein Prozent pflegt Lesezeichen-Sammlungen etwa bei Delicious oder Mister Wong. Lediglich Videoportale wie beispielsweise Youtube liegen mit 9 Prozent jenseits der Nichtbeachtungsgrenze.

"Seit diesem Monat sind wir profitabel", sagt Gerald Unden. Er ist Geschäftsführer von fiftiesnet.de, einer Internet-Plattform, die es nach den Zahlen von oben eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn die Zielgruppe für das Angebot nennt man hier euphemistisch „Bestager“ oder „Silverager“. Dabei ist der Portalname fiftiesnet der einzige Anglizismus auf der Webseite. Chatroom heißt hier Erzählcafe, flackernde Werbung ist nicht vorhanden, der Anmeldeprozess ein Kinderspiel. Die Themen, auf die man klicken und über die man diskutieren kann, heißen "Meine Zukunft", "Gesundheit", "Computer" und "Freizeit".

Noch sind solche Angebote Exoten im Netz. Noch sind die Mitgliedszahlen der Communities dort überschaubar. Doch das Potential ist groß. 40 Prozent der Deutschen sind 50 und älter. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese das Internet mit allen Facetten nutzen werden. Denn die Jungen werden älter, die Bedienung der Computer einfacher; vor allem aber passt das Internet eigentlich viel besser zu den Alten als zu den Jungen. Wer jung ist, geht nach draußen, als Kind zum Spielen, später für Reisen in ferne Länder. Die Alten bleiben zu Hause, sitzen am Küchentisch, liegen im Bett - auf dem Schoß der Laptop. Das Internet ist das beste Mittel gegen die Isolation der Immobilität. In einigen Jahren wird man den Begriff "Internet" nicht mehr als erstes mit „Jugend“ assoziieren. Es wird das Kommunikationsmittel der Alten sein. Es hält sie am Leben, weil es sie im Leben hält.

Die Voraussetzungen für ein solches Leben werden gerade geschaffen: durch die schnelle Datenverbindung. 70 Prozent der Internetnutzer in Deutschland verfügen bereits über einen Breitband-DSL-Internetzugang. Bei den über 60-Jährigen liegt die Verbreitung mit 54 Prozent nicht wesentlich darunter. Unterscheidet man zwischen unterschiedlichen DSL-Leitungen, liegen die Alten bei der schnellen 6-Mbit-Variante mit 27 Prozent Durchdringung sogar vorne. Über alle Altergruppen haben nur 23 Prozent einen solchen Anschluss. "Meines Wissens ist fiftiesnet die einzige nennenswerte Community, die aktuell Geld verdient", sagt Geschäftsführer Unden. Kein Wunder, denn die Statistik sagt auch, dass die Älteren in Deutschland mehr Geld zum Ausgeben haben, als die Jüngeren. Mit gezielter Werbung lässt sich offenbar profitabel arbeiten. Gut möglich, dass die Zeit der Silversurfer gerade beginnt.

Samstag, 3. Januar 2009

Das Auge liest mit

Gelungenes Design im Internet funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Alles oder Nichts

Wer im Internet überzeugen will, dem bleibt die Zeit eines Wimpernschlags: Gelangt man auf eine neue Internetseite, wird nach einer zwanzigstel Sekunde bereits ein erstes Urteil gefällt. "Der erste visuelle Eindruck beeinflusst den weiteren Entscheidungsprozess der Nutzer enorm und kann somit als ein grundlegender Baustein zum Aufbau und Vertrauen in die Seite gesehen werden", meint der Webseiten-Entwickler und Designer Vitaly Friedman.

Das Fundament für den Erfolg einer optisch beeindruckenden Internetseite ist zweieinhalb Tausend Jahre alt. Es stammt von dem Griechen Euklid von Alexandria. Der Mathematiker aus dem 4. Jahrhundert vor Christus hat den Begriff des goldenen Schnitts geprägt. Der besagt, dass die Trennung von Flächen und Geraden immer dann als harmonisch empfunden wird, wenn das Verhältnis fünf zu drei beträgt. Zum Beispiel wirken Landschaftsaufnahmen dann besonders gut, wenn fünf Teile Himmel und drei Teile Erde zu sehen sind. Das Prinzip funktioniert auch im Internet: Eine optische Aufteilung im Verhältnis des goldenen Schnitts lässt eine Seite harmonisch und aufgeräumt wirken.

Grundsätzlich gilt: Das Ordnen der Internet-Seite in inhaltliche Blöcke ist wichtige Bedingung für gelungenes Design. "Studien haben gezeigt", so Friedman, "dass wir Webseiten nicht nach einem typischen Schema scannen, sondern eine Art Zickzack-Analyse nach dem F-Muster durchführen." Das F-Muster meint, dass sich User Internetseiten in der Weise anschauen, dass ihr Augenverlauf den Buchstaben "F" ergibt. Sie scannen zuerst den Kopf der Webseite, anschließend den linken Bereich, dann den Hauptbereich, der oft quer in der Mitte liegt. Auf diese Weise wird sortiert, kategorisiert und anschließend die Entscheidung für die nächste Seitenaktion getroffen.

Um den User auf diesem Weg zu unterstützen, sollten Internet-Seiten in einzelne Blöcke aufgeteilt werden. Denn "bevor ein Benutzer seine nächste Entscheidung treffen kann, muss er präsentierte Inhalte in verdauliche Bruchteile auflösen", schreibt Friedman im "Praxisbuch Web 2.0". Einfaches Mittel um diese Blockbildung zu erreichen: Zwischen unterschiedlichen Elementen einer Seite Abstand halten - der leere Raum als wichtige Design-Regel.

In der Design-Szene spreche man dann von einem gelungenen Design, so Friedman weiter, wenn dieses entweder sofort ins Auge springe oder unsichtbar bleibe. "Ein unsichtbares Design ist häufig weit effizienter als ein buntes Farbenspiel, vor allem weil es nicht die Gestalt der Seite betont, sondern den Inhalt der Beiträge.“

Doch was sich zunächst leicht anhört, ist in der Praxis schwer umzusetzen. Denn wo nichts ist, da ist eben auch kein Inhalt. Gerade bei größeren Portalen, wie zum Beispiel Nachrichten-Diensten, bei denen es darauf ankommt, besonders viele Inhalte zu präsentieren, bedarf es des Kompromisses zwischen großzügigem Design und der Übermittlung möglichst vieler Informationen. Weniger ist eben auch nicht immer mehr. Oder wie es der Designer Milton Glaser sagte: Less isn't more, enough is more - Weniger ist nicht mehr, gerade genug ist mehr.

Die gekonnte Reduktion aber ist nur eines von mehreren Merkmalen gelungener Webseiten. Was ebenfalls wichtig ist:
  • Die optisch strikte Trennung der eigentlichen Seiteninhalte von Seitenattributen wie Navigation oder Kontaktinformationen.
  • Ein starkes Augenmerk auf die richtige Farbauswahl. Zur Zeit in Mode: sowohl weiche Farben, die den Eindruck von Ruhe und Behaglichkeit vermitteln als auch starke Farbkontraste, um beim Seiten-Besucher einen bleibenden Eindruck zu erwecken.
  • Ein besonders typisches Merkmal des Web 2.0-Designs: abgerundete Ecken. Friedman: "Während Kästen und rechteckige Gebilde eher für praktische Zwecke gedacht sind, können abgerundete Objekte sich davon abheben und eine natürliche Form vorweisen." Das wirke attraktiv und spielerisch.
  • Bei der Wahl der Typografie werden zudem zunehmend serifenlose Schriften bevorzugt. Als Serife (französisch „Füßchen“) bezeichnet man die feine Linie, die einen Buchstabenstrich am Ende, quer zu seiner Grundrichtung abschließt. Serifen erhöhen prinzipiell die Lesbarkeit von Buchstaben. Generell eignen sich Serifenschriften aber eher für gedruckte Schrift.
Und was ist eigentlich mit Bildern? Der Volksmund sagt: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Informatik-Professor Mario Fischer meint: "Als sich das Sprichwort eingebürgert hat, gab es noch keine Webseiten." Und es habe damals noch keine verzweifelten Versuche gegeben, mit Bildern, Grafiken und Icons auch wenigstens nur ein einziges Wort zu ersetzen. Der Vorteil von Bildern sei zwar, dass man sich an sie viel besser erinnere als an Worte. Das Problem: Bilder, Grafiken und Icons seien in ihrer Aussage selten eindeutig. Die Folge: Die Seitenbesucher verstehen sie nicht. Sprache sei dagegen meist klarer. Für das Internet kehrt Fischer die Volksweisheit deshalb um: "Ein Wort sagt mehr als 1000 Bilder."

Donnerstag, 1. Januar 2009

Wie wir lernen werden

Noch immer wird Wissen vermittelt als hätten wir eben erst den Buchdruck erfunden

Wer seit 1990 geboren wurde, der hat eine Welt ohne Internet nie kennen gelernt. Das World Wide Web ist so alt wie ein Mensch zum Erwachsen werden braucht, und vor allem für die Jüngeren ist es selbstverständlicher Bestandteil ihres täglichen Lebens geworden. Eine Studie der US-amerikanischen Universität von Wisconsin-Madison und der Bildungsplattform Educause unter amerikanischen Studenten bestätigt die Erwartung: 99 Prozent der Studenten besitzen einen Computer; 99,9 Prozent schreiben, lesen und verschicken regelmäßig E-Mails; 84 Prozent nutzen Instant Messaging wie Skype oder ICQ; 82 Prozent sind in sozialen Netzwerken wie StudiVZ oder Facebook aktiv. 18 Stunden ist ein Student im Durchschnitt pro Woche online.

Wie aber verändert der unbeschränkte Zugang zu Information und Kommunikation das Lernen selbst? Passen die Formen der Bildung in Kindergarten, Schule und Universität noch zu den neuen Möglichkeiten der Wissensvermittlung?

Als es noch keine Bücher gab, waren die Alten in einer Gesellschaft die Träger von Erfahrung und Geschichte. Sie gaben weiter, was sie gehört, gesehen, erlebt hatten. Sie wurden dafür geachtet, verehrt, manchmal auch gefürchtet. Mit der Erfindung von Schrift und Papier wurden die Alten unwichtiger. Nun konnte Wissen konserviert werden. Über Generationen. Der Mensch als "Speichermedium" verlor an Bedeutung. Es begann die Macht der Schreiber. Wer bestimmen konnte, was niedergeschrieben wird, der hatte nicht nur Zugang zu diesem Wissen, er regulierte gleichzeitig, welches Wissen verbreitet wurde und noch wichtiger: welches nicht.

Nicht jeder durfte deshalb Bücher schreiben oder drucken. Staat und Kirche waren lange Zeit Monopolisten. Denn die Mächtigen hatten Angst, dass Wissen in der Hand vieler ihnen die Macht raubt. Wenn die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel ist, wo ist dann der Himmel? Wenn der Mensch einen eigenen Willen hat, warum soll er dann nicht auch für seine Rechte kämpfen dürfen? Wenn die Bürger jenseits der eigenen Landesgrenze ohne Unterdrückung leben können, warum dürfen die Menschen im eigenen Land es nicht?

Die Kämpfe um die freie Übertragung von Information sind weltweit gesehen noch nicht beendet. Dort wo das Informationsmonopol gefallen ist, haben die ehemals Mächtigen ihre Macht verloren. Das Erbe sind Freiheitsrechte und Demokratie.

Heute kommen weltweit 3000 neue Bücher auf den Markt - täglich. Durch Computer und Internet aber sind Bücher nicht mehr die einzigen Wissensspeicher. Die Menge an digitaler Information ist mittlerweile drei Millionen mal so groß wie alle Information, die je in Büchern geschrieben wurden (mehr dazu hier).

Dabei ist es weniger der zunehmende Wissenswachstum, der uns verändert. Es sind vielmehr die neuen Möglichkeiten mit diesem Wissen umzugehen. Früher lag das Wissen zwischen zwei Buchdeckeln und wurde entweder lesend aufgenommen oder von einem Dozenten vorgetragen. Wissensvermittlung war demnach an einen Ort und meist auch eine vorgegebene Zeit gebunden. Sie war strukturiert und geplant. Ohne Disziplin ging gar nichts. So funktioniert die Schul- und Hochschulbildung im Grunde immer noch. Dabei ist der Zugang zu Wissen heute sowohl örtlich als auch zeitlich unbeschränkt. Jeder in den reichen Ländern der Erde kann sich heute Wissen aneignen, wann und wo er will. In Häppchen, in ganzen Tutorien, was gerade gebraucht wird und wie viel Zeit wir dafür bereit sind zu geben.

Wie aber passen diese neuen Möglichkeiten zu den alten Lehrformen? Oder anders gefragt: Wie wird der technische Fortschritt unser Lernen verändern? "Wir fahren in die Zukunft, indem wir in den Rückspiegel schauen", hat der kanadische Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan einmal gesagt. Veränderung ergibt sich also immer mit dem Wissen über die Vergangenheit. Somit nutzen wir den technischen Fortschritt zunächst, um die alte Arbeit zu erledigen. Oft schneller und effizienter; aber eben zunächst nicht grundsätzlich anders.

Dass wir mit geänderten Möglichkeiten Arbeit auch ganz anders anpacken können, dafür braucht es meist eine ganze Weile. Mit anderen Worten: Die neuen Formen des Lernens entwickeln sich gerade erst. Fest steht schon jetzt: Das Internet ist nicht mehr nur ein Buch ohne Buchdeckel, durch das Inhalte konsumiert werden. Zunehmend entwickelt sich das World Wide Web zur Plattform, auf der Inhalte erstellt, geteilt, neu zusammengesetzt und weitergegeben werden. Das Internet bildet den Wissensprozess damit viel besser ab als ein Buch, das, einmal geschrieben, keine Veränderung mehr zulässt. Denn Wissen ist nur so lange wahr, bis es widerlegt wird. Das Bessere als Feind des Guten. Was aber das Bessere ist, sieht man erst, wenn es in der Welt ist - beim Blick in den Rückspiegel eben.

Freitag, 19. Dezember 2008

Where do we go? 10 Thesen zur Zukunft des Journalismus

These 1:
Der Journalismus muss und wird ein neues Geschäftsmodell finden

Womit verdienen Journalisten ihr Einkommen? Mit guten Geschichten, durch exklusive Nachrichten. Ja, aber ganz konkret? Woher fließt das Geld? In der Print-Branche gibt es bisher zwei Einnahmequellen: der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften sowie durch Einahmen der Werbeanzeigen, die in den Publikationen geschaltet werden.

Im Internet funktioniert das Prinzip der „doppelten Einnahme“ aktuell aber nicht. Die Bereitschaft der User, für Inhalt zu zahlen, beschränkt sich auf wenige exklusive Bereiche wie Börseninformationen oder Testberichte. Bleibt als einzige Erlösquelle die Werbung. Zwar wachsen die Ausgaben für Werbung im Internet stetig: Für 2008 werden in Deutschland 3,6 Milliarden Euro erwartet – ein Zuwachs von immerhin über 25 Prozent gegenüber 2007; der Marktanteil des Onlinebereichs im gesamten Medienmix erreicht in diesem Jahr damit bereits 13,5 Prozent (2005 waren es noch 4,4). Doch die Verlage streichen nur ein Teil des Geldes ein. Fast die Hälfte der diesjährigen Werbeausgaben werden allein für die Suchwortvermarktung ausgegeben (1,5 Milliarden Euro), also um etwa bei Google-Suchtrefferseiten in der rechten Spalte mit kleinen Textanzeigen aufzutauchen.

Das Internet scheint die alte Verbindung von Werbung und journalistischen Inhalten zum Teil aufgehoben zu haben. Weil der User im Internet häufig Sucher statt Leser ist. Wer einen MP3-Player verkaufen will, tut gut daran, dem User mit seinem Angebot dann unter die Augen zu kommen, wenn er eben gerade auf der Suche nach dem Musikspieler ist und nicht, wenn er einen Artikel über die Steuerreformpläne der Bundesregierung liest.

Ausblick:
Der Journalismus wird der Werbung hinterher ziehen. Klassische journalistische Darstellungsformen ergänzen sich um bisher unbekannte Formate, etwa journalistische Inhalte auf dem Mobiltelefon. Ein Beispiel: Wenn etwa ein Handy-Programm Touristen den Weg zu den Attraktionen der Stadt weist, dann werden auf dem Handy-Display Hotels und Gaststätten werben wollen. Zusätzlich können journalistische Texte, Bilder und Videos über die Geschichte der Stadt und aktuelle lokale Nachrichten das Angebot aufwerten.

Neben neuen Formen wird auch klassische Qualitätsjournalismus bestehen bleiben. Reichen Werbeeinnahmen nicht aus, um ihn zu bezahlen, wird die Bereitschaft zunehmen, für hochwertige Inhalte auch im Internet wieder Geld auszugeben. Warum? Gegenfrage: Warum nicht? Wieso sollte es keine Bereitschaft geben, für gute Inhalte zu bezahlen? Man kauft Autos, man kauft Bücher, man wird auch gut recherchierte Inhalte kaufen. Spätestens wenn der Mangel sichtbar wird. Gut möglich auch, dass sich dabei neue Formen der Finanzierung finden, Spenden zum Beispiel; damit finanziert sich etwa das Wissensportal „Wikipedia“.


These 2:
Das Medienangebot wächst rasant - und mit ihm die Konkurrenz

Nie war es einfacher, Nachrichten zu verbreiten, seine Meinung zu sagen. Die Kosten für die Verbreitung von Information über das Internet gehen gegen Null. Es brauchen keine Räume angemietet, keine Druckaufträge erteilt werden. Nicht mal um Werbeanzeigen muss sich aufwändig gekümmert werden. In 30 Minuten ist ein Blog eingerichtet, wenig später können Werbeanzeigen etwa von Google eingebunden werden.

Ausblick:
Im Internet werden neue Medienmarken entstehen, die mit guten Ideen und Inhalten den Etablierten Konkurrenz machen. Zudem wird es unter den Internetportalen zur Spezialisierung kommen. Die Abdeckung aller Themengebiete durch eine Redaktion wird es immer seltener geben, weil das Hintergrundwissen eines Experten nur einen Mausklick entfernt ist. Das Motto wird lauten: Do what you can do best, and link the rest!


These 3:
Die Qualität des Journalismus wird nicht ab-, sondern zunehmen

Wo der Kunde die Wahl hat, kümmern sich die Anbieter verstärkt um ihn. Der Kunde will umgarnt, überzeugt, gehalten werden. Konkurrenz belebt das Geschäft also. Diese Regel der Marktwirtschaft gilt auch für Medien. Der zunehmende Konkurrenz zwischen den Medien (siehe These 2) wird die Publizierer stärker als bisher an für Leser und User interessanten Publikationen arbeiten lassen. Sie müssen sich also mehr anstrengen. Allerdings stehen diesem Trend die Probleme der Finanzierung (These 1) gegenüber. Wo weniger Geld zu verdienen ist, sinkt die Qualität. Welcher Effekt wird stärker sein?

Ausblick:
Die größere Konkurrenz dank einfachem Publizieren wird ein dauerhaftes Merkmal der neuen Medienbranche bleiben. Dagegen sind die Probleme der Finanzierung der Medienbranchen ein aktuelles Umbruchphänomen, ausgelöst durch das Internet. Denn grundsätzlich spricht nichts gegen ein Finanzierungskonzept, das interessanten Inhalten Werbung zur Seite stellt. Denn Werbung möchte dort sichtbar sein, wo die Menschen ihre Aufmerksamkeit hin richten. Und es spricht ebenfalls nichts gegen eine Zahlungsbereitschaft für journalistische Inhalte. Deshalb stehen die Chancen gut, dass das Umbruchphänomen ein zeitlich begrenztes bleibt und somit auf lange Frist journalistische Angebote noch besser werden.


These 4:
Nachricht goes Community - und umgekehrt

Facebook, StudiVZ, Youtube und Twitter stehen für Erfolg im Internet. Nicht jedes Angebot steht wirtschaftlich in der Gewinnzone, aber allen ist gemein: Sie haben Millionen Mitglieder, die sich deswegen auf den Webseiten bewegen, weil sie sich dort austauschen, präsentieren, mitteilen können. Es ist die neue Form des ehemaligen Markplatz: Man trifft sich, schaut sich um, will gesehen werden, sich informieren, tratschen. Die Nachricht (und damit das Kerngeschäft des Journalisten) ist hier bestens aufgehoben.

Ausblick:
Nachrichtenportale werden verstärkt drei Strategien verfolgen:
1) Aufbau einer eigenen Community. Zentraler Bestandteil einer funktionieren Community ist dabei der Aktivity-Feed. Darunter versteht man das Aufzeichnen und Wiedergeben von User-Aktivitäten im Internet. User werden so stetig darüber informiert werden, was ihre Freunde tun. Die New York Times hat dies als erstes Nachrichtenportal umgesetzt. Ob ein Kommentar geschrieben, ein Beitrag empfohlen, ein Video weitergeleitet wird, immer erfahren es die Freunde unmittelbar. Am oberen Ende des Browserfenster wird auf jeder Seite der Aktivity-Feed angezeigt.

2) Nachrichtenportale begeben sich dorthin, wo die Community bereits ist. Sie twittern (zum Beispiel wie Der Westen) oder verteilen ihre Nachrichten bei Facebook (zum Beispiel zoomer.de)

Idealerweise verbinden sich die Communitys von Nachrichtenportalen und bestehenden Communitys. Auch hier ist die New York Times ein positives Beispiel: Installiert man auf Facebook die Anwendung "Times People" werden die eigenen Aktivitäten auf www.nyt.com in eigenen Facebook-Profil angezeigt. Ein empfohlener New-York-Times-Artikel wird somit automatisch allen Facebook-Freunden angezeigt.

3) Nachrichtenportale binden bestehende Communitys in die eigene Seite ein. Mit der Facebook-Anwendung "Connect" gibt es beispielsweise seit wenigen Tagen die Möglichkeit, Facebook-Funktionalitäten auf anderen Seite zu integrieren. So kann sich der User beispielsweise auf einer Nachirchten-Seite mit seinem Facebook-Profil anmelden um etwa die Kommentarfunktion und andere Funktionalitäten der Seite zu nutzen.


These 5:
Der User wird zum Co-Autor

Was in der Zeitung der Leserbrief, ist im Internet der User-Kommentar. Beide setzen sich in der Regel kritisch mit der Arbeit des Journalisten auseinander. Der Unterschied: Ein Kommentar im Internet ist schnell geschrieben und wird in der Regel an der gleichen Stelle wie das Journalistenstück veröffentlicht.

Beides erhöht die Motivation der User, sich aktiv an einem Thema zu beteiligen. Außerdem kann der Online-Redakteur auf die Kommentare eingehen und seine eigene Geschichte daraufhin korrigieren oder ergänzen. Die Folge: Der User wird so zum Co-Autor des Journalisten. Und das nicht nur mit Textbeiträgen. Fotos und Videos kommen hinzu.

So können Geschichten entstehen, die ohne User-Beteiligung gar nicht möglich wären. Etwa wenn User ihre Eindrücke von einer Demonstration schicken. Oder weil der Recherche-Aufwand für einen einzelnen Journalisten zu groß wäre. Dann kann der Journalist seine User um Hilfe bitten. Um zum Beispiel herauszufinden, welche Kneipen in einer Großstadt eine extra Raucherzimmer haben, wären unzählige Anrufe nötig. Ruft man die User auf, eine kurze Info zu ihrer Stammkneipe zu schicken, sind die Infos schnell zusammengetragen.

Ausblick:
Die Trennung von Journalist und User wird tendenziell verwischen. Weil die User nicht nur Leser, sondern eben auch selbst Publizisten sind. Sei es mit Bildern, Texten oder Videos in ihrer Community, sei es mit einem eigenen Blog, oder über die Kommentarfunktionen von Nachrichtenportalen. Damit tragen User selbst zur Entstehung von Nachrichten bei - Crowdsourcing (hier gibt's einen Artikel zu dem Thema) wird diese Tendenz in den USA genannt. Das birgt aber auch die Gefahr der Manipulation. Wo Nachrichten ungeprüft in Umlauf gelangen, schwindet am Ende auch die Glaubwürdigkeit der Nachricht selbst.


These 6
Fernsehen, Radio und Zeitung verschmelzen zu einem einzigen Medium

Im Internet können Texte gelesen, Fotos betrachtet, Videos gesendet, Töne gehört werden. Bisher unterschiedliche Medienformate (Fernsehen, Radio, Print) treffen im Internet aufeinander und bieten dort ihre Inhalte an, die frühere Trennung löst sich auf: Das ZDF zeigt seine Inhalte im Internet genauso, wie die alteingesessene Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Ausblick:
Das Zusammentreffen verschiedener Medienformate im Internet verstärkt den Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit der User. Außerdem wird, was im ersten Augenblick paradox klingt, die Angebote sich anpassen, indem sie vielfältiger werden. Ein ehemals textlastiges Medium wird verstärkt auf multimediale Elemente setzen, während etwa Radioprogramme stärker das geschriebene Wort in ihrem Online-Auftritt einbinden.


These 7:
Der Inhalt bestimmt das Format

Heute arbeiten Online-Redaktionen bisweilen noch als Anhängsel der Kernredaktion, bei der Zeitung der Printredaktion. Die liefern die Inhalte, in der Regel Texte, die Online-Redaktionen sorgen für eine Übertragung ins Internet. Dabei bietet das Internet eine breite Palette an journalistischen Darstellungsformen. Bewegbild, Ton, Text, Grafik. Jeder Inhalt kann so mit dem passenden Format aufbereitet werden. Die Filmkritik wird mit Ausschnitten des betreffenden Films garniert; die Flugzeugkatastrophe mit einer anschaulichen Grafik zum Hergang des Unfallgeschehens dargestellt.

Ausblick:
Gerade Nachrichtenportale werden in Zukunft stärker die Vielfalt des Internet nutzen. Die Medienredaktionen werden dafür (möglicherweise zu Lasten der Textredaktionen) ausgebaut werden. Bevor man sich einem Thema widmet, wird man sich fragen: In welchem Format soll die Geschichte erzählt werden? Das wird Nachrichten interessanter, weil abwechslungsreicher machen.


These 8:
Zeitung und Zeitschriften werden eine Renaissance erleben

Was kann bedrucktes Papier, was andere Medienformate nicht können? Es ist zum Beispiel geduldig. Es fällt zu Boden, es wird geknickt, es liegt lange in der Sonne - der Inhalt ist dennoch zu erschließen. Papier ist unempfindlich. Und geht es kaputt, ist es meist kein Drama, weil ein Zeitungsexemplar ersetzbar und nicht teuer ist. Das ist nur ein Vorteil von Print. Ein weiterer: Im Gegensatz zum Internet ist der Gestaltung der Seiten kaum Grenzen gesetzt. Kurzfristige Änderungen, Ausbrüche aus der Konvention sind einfach möglich.

Ausblick:
Die Zeitung und Zeitschriften der Zukunft werden ihre Vorteile gegenüber anderen Medien ausspielen. Auf die Präsentation der Themen wird stärker Wert gelegt werden, die Darbietung wird hochwertig aufgemacht und abwechslungsreich gestaltet sein. Die Inhalte selbst werden hintergründig, reflektiert, häufig kommentierend sein, alles was beim schnellen Medium Internet bisweilen auf der Strecke bleibt.


These 9:
Auch das Internet wird sich neu erfinden

Bis vor kurzem hatte das Internet einen festen Platz. Es stand auf dem Bürotisch oder zu Hause in der Ecke, dort wo man seine Rechnungen aufbewahrt und einmal die Woche abarbeitet. Das Internet war an einen festen Ort gebunden, nämlich dort wo der Desktop-Computer stand. Und die Bildschirme hatten alle mehr oder weniger das gleiche Format. Mit den Laptops wurde zunächst das Internet mobil, die Bildschirm-Größen blieben gleich. Jetzt, wo das Internet auch aufs Handy wandert, muss das Internet erstmals auf unterschiedlichen Ausgabe-Formaten funktionieren. Was vorher auf 30 Zentimetern Platz hatte, soll nun auch auf 7 Zentimeter Breite gut ausehen. Und das Format schrumpft nicht nur, es wächst auch. Denn auch auf dem Großbild-Fernseher im Wohnzimmer wird mittlerweile ebenfalls im Internet gesurft.

Ausblick:
Die Vielzahl der Ausgabeformate wird zunehmen. Schon bisher fließt der gleiche Inhalte (zum Beispiel ein Kommetar zu einem politischen Thema) in mehrere Kanäle (der Kommentar erscheint am nächsten Tag in der Zeitung und auf der Webseite). In Zukunft wird es selbstverständlich sein, dass der Inhalt im Internet selbst an verschiedenen Stellen abrufbar ist; etwa mittels eines kleinen Programms auf dem Handy, wie es sie mittlerweile breits etwa für Blackberrys und das iPhone von Apple gibt.

Vertiefender Text:
Eine Frage der Größe - Weil mobiles Surfen zur Selbstverständlichkeit wird, stehen die Webseitenbetreiber vor neuen Herausforderungen


These 10:

Das Tempo der Veränderung wird weiter zunehmen

50 Jahre lang lebten Fernsehen, Radio und Zeitung in friedlicher Koexistenz. Doch mit Aufkommen des Internets als Massenmedium zur Jahrtausendwende ist dieses Nebeneinander Geschichte. Und vermutlich wird sich der Wandel beschleunigen. Wissen vermehrt sich expoential, die Innovations- Produktlebenszyklen werden in allen Branchen kürzer. Es gibt keinen Grund, warum dieser Trend an der Medienbranche vorbeigehen sollte.

Ausblick:
Medien werden verstärkt in die Weiterentwicklung ihrer "Produkte" investieren. Wer die besten Ideen hat, gewinnt; sowohl was die Inhalte, die Präsentation und Vermarktung betrifft. Für Journalisten wie für Leser und User eine interessante Entwicklung.

Der Fachbuch-Autor und Journalist Mark Briggs schreibt in seinem Buch "Journalism 2.0" über den amerikanischen Markt: „Es gab nie eine besser Zeit Journalist zu sein als heute. Das klingt vielleicht komisch wenn man bedenkt, wie viele Zeitungs-Journalisten seit dem Jahre 2000 ihren Job verloren haben, aber noch nie hat es so mächtige Wege gegeben, Geschichten zu erzählen und den Leser mit Informationen zu versorgen. Wer den Journalismus liebt, der liebt die Vielfalt der Möglichkeiten, die gestiegene Interaktion mit dem Publikum und das fast komplette Verschwinden der Beschränkung von Raum und Zeit.“

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Klick dich glücklich!

Per Internet zu spenden erfreut sich zunehmender Beliebtheit – Unterstützung findet, was gefällt

Wikipedia hat die vier Millionen fast voll. Auf der Startseite wirbt das Online-Lexikon seit einigen Wochen um Spenden. Bis zum Mittwoch kamen 3.766.551 Dollar zusammen. Am Ende der Spendenaktion sollen es sechs Millionen sein. Das Geld wird für den Betrieb und die Verwaltung von Wikipedia benötigt.

Einmal im Jahr bitten die Macher der freien Enzyklopädie um Geld. Und jedes Jahr folgen mehr Menschen dieser Bitte. "Der Anteil, der über das Internet geleisteten Spenden, ist noch gering, wächst aber stetig", sagt das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen, kurz DZI. Das vergibt das so genannte Spendensiegel, ein Gütezeichen, welches gemeinnützigen Organisationen verliehen wird, die mit anvertrauten Spenden seriös umgehen.

Vor allem für kleine Organisationen bietet das Internet neue Chancen. "Auf Grund des geringen finanziellen Aufwands ist die Hürde zu einem Auftritt im Internet auch für kleinere Hilfswerke niedrig", so das DZI. Doch die größere Veränderung spielt sich auf der anderen Seite ab: beim Spender. Denn das Internet ermöglicht eine Form der Unterstützung, die nur auf den ersten Blick wenig bringt: Micro-Spenden, also das Geben von Kleinstbeträgen. 50 Cent, ein oder zwei Euro; Geldbeträge, die keinem weh tun. Geben aber viele wenig, bekommt der Spendenbitter am Ende eben doch viel. Die Summe macht's. Und die wächst auch deswegen, weil die Bereitschaft grundsätzlich zunimmt, Geldtransaktionen im Internet abzuwickeln.

Mittlerweile gibt es im Internet Anbieter, die sich nur um das Einsammeln und Verteilen von Spenden kümmern. Tipit.to ist ein solcher. Drei dänische Stundenten haben die Website programmiert. Dort kann jeder an jeden spenden. Man muss sich lediglich registrieren. Schon ab 50 Cent ist man bei Tipit.to als Spender willkommen.

Auch das Community-Portal Facebook bietet die Möglichkeit, Geld zu sammeln - und zu geben. Jeder kann das tun. Man muss dort lediglich einen so genannten „Cause“ (gute Sache) eintragen. Und das wird auch reichlich getan. Für die Erhaltung von Kunstprojekten, die Finanzierung politischer Kampagnen oder die Unterstützung von Forschungsprojekten. Allein in der Rubrik "Umwelt" werben über 8000 Gruppen für ihr Anliegen. Nicht alle ernsthaft, dennoch nicht ohne Erfolg. Selbst die Kampagne "Save water, drink beer" hat es auf 45 US-Dollar gebracht.

Lässt man den Witz beiseite, zeigen die Beispiele: Im Internet wird nicht nur für die großen Weltprobleme wie Hunger oder Klimakatastrophen gespendet. Unterstützt wird, was man selbst für gut findet: Die Musikband, die ohne Spritgeld nicht zum nächsten Auftrittsort kommen würde; ein aufrüttelnder Artikel, der von einem investigativen Journalisten geschrieben wird; ein Kunstvideo, das auf Youtube zu sehen ist. Durch die geringen Summen und die einfache Bezahlweise kann im Internet jeder zum Mäzen werden, zumindest zum Mäzenchen. Die nächste Unterstützung ist nur einen Klick entfernt. Selbst wer sein Geld an der Börse angelegt hat, wird in die Lage gebracht, damit noch ein gutes Werk zu vollbringen. Zumindest bei Wikipedia. Denn beim Onlinelexikon kann man nicht nur Geld spenden, sondern auch Aktien. Die Depotnummer lautet: FER137812.

Dienstag, 9. Dezember 2008

Mein Freund der Laptop

Immer mehr Menschen vereinsamen in der modernen Gesellschaft, so lautet eine gängige These - Sie ist schlicht falsch

Es sind die Zahlen, die der These Nahrung geben: 1950 lebten in Deutschland nur drei Millionen Menschen alleine, heute sind es 15 Millionen. Es sind die zahllosen Geschichten von der Vereinsamung in der Großstadt, welche die Überzeugung stützt. Es ist der Augenschein von den vielen Menschen, die alleine mit ihrem Laptop in der Kneipe sitzen, welche die Hypothese untermauert. Die lautet: Der Wohlstandsmensch von heute lebt in der ständigen Gefahr der Isolation. Wo früher die Großfamilie, das Dorf, der Verein Unterstützung bot, da offeriert die anonyme Konsumgesellschaft nur haltlosen materiellen Ersatz. Erkaufte Gemeinsamkeit, statt emotionalem Rückhalt.

Sind die sozialen Netzwerke heute wirklich brüchiger geworden? Und welchen Einfluss hat der Computer? Genauer gesagt, die Vernetzung von Computern. Fördert sie die Vereinsamungen, weil die Menschen einzeln vor Maschinen sitzen? Oder stärkt sie den Zusammenhalt, weil die Computer und damit die Menschen per Internet untereinander verbunden sind?

Zunächst: Der Mensch neigt zur Verklärung der Vergangenheit. Die Idylle der Großfamilie hat es, von Ausnahmen abgesehen, nie gegeben. Alleine schon deshalb, weil es die Großfamilie selten gab. Noch 1900 lag die Lebenserwartung in Deutschland bei 45 Jahren. Ein entzündeter Blinddarm, eine Geburt mit Komplikationen, ein schweres Fieber - schon hatte die Familie ein Mitglied weniger. Nur selten lebten wirklich drei komplette Generationen einer Familie unter einem Dach.

Oder die Mär von der flächendeckenden Einsamkeit in der Großstadt: Nicht wer in der Großstadt lebt, ist einsam, sondern wer in die Großstadt zieht. Die Literatur ist voll von diesen Geschichten. Es sind aber meist Geschichten von Menschen, die neu in der Stadt ankommen. Oder es sind Geschichten von einsamen Menschen, die in der Großstadt ihre Vorstellung von Einsamkeit finden. Die Forschung zeigt, dass die Menschen in der Stadt bessere Netzwerke haben als auf dem Land. Weil das Angebot größer ist. Man findet eher Gleichgesinnte. Oft auch Gleichgültige, was nicht immer das schlechteste ist.

Aber was ist mit der hohen Zahl von Single-Haushalten? Sie sind Ausdruck des Wohlstands! Man kann es sich leisten alleine zu leben. Und wer alleine lebt, ist keineswegs zwingend Single: Mehr als ein Drittel der Single-Haushalte-Bewohner sind in einer festen Beziehung.

Und auch wer aus dem Elternhaus auszieht, ist keineswegs aus der Welt. Aus dem Mehr-Generationen-Haus von früher ist die Mehr-Generationen-Region geworden: Nur fünf Prozent der Kinder und Kindeskinder leben weiter als zwei Autostunden von ihren Eltern und Großeltern entfernt.

Wer räumliche Entfernung nicht überbrücken kann, der schafft sich Nähe per Computer. Kinder chatten mit ihren Eltern, mit ihren Freunden - auch vom Cafe aus. Der vermeintlich einsame Kneipenbesucher, der sich hinter dem Bildschirm seines Laptops zu verstecken scheint, kommuniziert gerade mit seinem Kumpel am anderen Ende der Welt - oder auch nur am anderen Ende der Straße, um die Uhrzeit für den abendlichen Kinobesuch zu vereinbaren. Richtig ist zwar, dass sich Einsame gerne an den Computer setzen. Falsch ist, dass der Computer einsam macht. Unter dieser Vertauschung der Kausal-Kette hat schon der Ruf des Fernsehens leiden müssen.

Und es ist auch keineswegs so, dass Online-Bekanntschaften reale Freundschaften ersetzen. Vielmehr geht das eine mit dem anderen Hand in Hand. Die Medienforscher Nicole Ellison, Charles Steinfield und Cliff Lampe haben an den Studierenden der Universität Michigan eine Untersuchung durchgeführt. Erstes Ergebnis: 94 Prozent nutzen das Netzwerkportal Facebook. Zweitens: Je mehr Kontakte ein Studierender auf Facebook hatte, desto mehr waren es auch im wirklichen Leben.

In einer anderen Studie kommen Patti Valkenburg, Jochen Peter und Alexander Schouten von der Universtität Amsterdam zu dem Schluss, dass für Jugendliche das Erstellen von Onlineprofilen wichtig für ihre Selbstdarstellung und damit ihr Selbstwertgefühl ist. Insbesondere die Seite MySpace erlaubt es ihren Usern Profilseiten mit Farben, Formen, Musik und Bildern zu gestalten. Die meisten Jugendlichen (79 Prozent), so ein Ergebnis der Studie, erhalten für solche Profilseiten positive Rückmeldung.

Allerdings: Die neuen Freiheiten haben auch Nachteile, gewichtige. Viel mehr als früher kann man sich heute seine Freunde selbst wählen. Und man wählt, was man kennt. Weil man sich gerne mit Gleichgesinnten umgibt. Das hat zwei negative Konsequenzen. Zum einen verringert es die Chance der Veränderung. "Die eingegangenen Beziehungen wirken sich kaum auf die Struktur der Persönlichkeit aus", meint Professor Dr. Frieder Lang, vom Institut für Psychogerontologie der Universität Erlangen-Nürnberg. Zum anderen können solche Netzwerke in Krisensituationen brüchig werden. Akademiker sind gerne unter Akademikern, Kampftrinker unter Kampftrinkern, Familienväter und Familienvätern. Wenn aber einer der Gruppe aus seiner Rolle ausbricht, erleben dies die anderen Teilnehmer häufig als Bedrohung. Besonders wenn Krankheiten die Krise auslösen, wenn etwa der Trinkkumpane ins Alkoholdelirium fällt. "Das Phänomen des schrumpfenden Netzwerks in Zeiten der Krise ist gut belegt", schreibt Nikolas Westerhoff, in der Zeitschrift "Psychologie heute". Davon würden die meisten Menschen in der Krise negativ überrascht. Westerhoff: "Die tatsächliche Unterstützung fällt oft niedriger aus als erwartet." Vor allem Menschen mit hohem Selbstbewusstsein überschätzten die Hilfsbereitschaft ihres Netzwerkes.

Welche Hilfe aber ist die beste, wenn ein Mitglied eines Netzwerks in einer Krise steckt? "Vieles deutet darauf hin, dass sich vor allem unsichtbare Unterstützung positiv auswirkt", meint die Psychologin Beate Ditzen von der Universität Zürich. Ein Zuviel an Unterstützung kann dazu führen, dass sich der Helfer überfordert fühlt und der Hilfsbedürftige schuldig. Die anderen sollten da sein und helfen, ohne sich aufzudrängen.

Montag, 8. Dezember 2008

Der Wikipedia-Effekt

Alles Berichterstatter? - Wie die Masse im Internet das Berufsbild des Journalisten verändert

Für die Redaktion des "Cincinnati Enquirer" war die Aufgabe nicht zu bewältigen gewesen. Im Dezember 2006 hatte der dortige Bundesstaat Ohio ein Rauchverbot erlassen. Die Zeitung wollte nun jedem ihrer Lesern mitteilen, ob sich die Kneipe um die Ecke an das Rauchverbot hält oder nicht. Eine gute Idee. Das Problem: In Cinncinnati gab es zu diesem Zeitpunkt exakt 1488 Bars und Restaurants. Für die Zeitungsredakteure war es unmöglich in überschaubarer Zeit alle notwendigen Informationen einzuholen. Also bat man die Leser um Hilfe. Die meldeten sich zahlreich. Vor allem per E-Mail. Die Zeitung sammelte alle Informationen und stellte sie auf ihrer Internet-Seite auf einem Stadtplan (per Google-Map) allen zur Verfügung. Eine Recherche, welche die Redaktion nie alleine geschafft hätte, wurde durch ihre Leser ermöglicht. "Crowdsourcing" heißt in den USA dieser journalistische Trend. Er besteht im Kern darin, dass viele bei der Informationsbeschaffung helfen.

Früher waren die Rollen klar verteilt: Der Journalist begab sich auf die Suche nach Informationen. Hatte er diese gefunden, teilte er sie dem Leser, Hörer, Zuschauer mit. Durch das Internet verwischt die Grenze. Weil der Austausch zwischen Informationsbereitsteller und Informationsaufnehmer viel enger ist. Der Besucher eines Nachrichtenseite im Internet kann sich in der Regel sofort zu einem erschienenen Artikel äußern, per Kommentar. Er kann seine Meinung mitteilen oder einfach nützliche Zusatzinformationen beisteuern. Bei einer Printausgabe dagegen muss erst ein Leserbrief verfasst und verschickt werden. Dann muss der Schreiber noch darauf hoffen, dass sich die Redaktion bei der Auswahl der zu veröffentlichten Leserbriefe für seinen entscheidet. Im Internet gibt es diese Beschränkungen nicht. Die Reaktionen auf journalistische Beiträge erscheinen unmittelbar und in voller Länge. Im Prinzip funktioniert diese Art des Journalismus wie das Online-Lexikon Wikipedia: Weil viele mitarbeiten, ist das Ergebnis am Ende besser, als wenn sich eine kleine Gruppe von Experten darum kümmert.

Das hat Konsequenzen für den Journalismus der Zukunft. "Während es heute üblich ist, die Idee einer Geschichte als Geheimnis zu bewahren, damit die Konkurrenz sie nicht erfährt, ist es bei der Idee des 'verteilten Reporter-Modells' nötig, eine Story in einem möglichst frühen Stadium Online zu stellen", schreibt etwa Mark Briggs in seinem Lehrbuch "Journalism 2.0". Dies, so Briggs weiter, erlaube den Lesern, sich an der Entwicklung einer Story zu beteiligen. Gleichzeitig ist im Online-Journalismus eine saubere Recherche noch wichtiger als bei Print, Radio und Fernsehen. Weil das Blamage-Potential größer ist. Ein Fehler wird von den Usern per Kommentar sofort öffentlich gemacht.

Am radikalsten will diese Idee die Internet-Seite NewAssignment.net umsetzen. Professor Jay Rosen von der New York University hat im Jahre 2006 diese Seite ins Leben gerufen. Dort werden Nachrichten und Geschichten eingestellt und von freiwilligen weiterentwickelt. Rosen erklärt das Konzept so: „NewAssignment sagt: Hier ist eine ziemlich fertige Story. Wir haben viele gute Informationen gesammelt. Pack dein Wissen dazu und mach sie besser. Arbeite mit uns, wenn du Dinge weißt, die uns unbekannt sind.“

Der verstärkte Austausch mit den Lesern, Hörern und Zuschauern ist nicht die einzige Veränderung im Berufsbild des Journalisten. Das Internet fügt auch zusammen, was früher getrennt war. Bewegbilder lieferte das Fernsehen, Texte wurden in der Zeitung gedruckt, das gesprochene Worte sendete das Radio. Im Internet vereinen sich alle drei Medien. Eine für das Internet aufbereitete Story, über die Wahlen in den USA etwa, kann ein Video mit Wahlkampfreden der Kandidaten enthalten, einen geschriebenen Kommentare und ein Audio-Interview mit einem Wahlkampf-Experten.

Das ist die eigentliche Chance des Internets: Dass nicht mehr das Medium darüber entscheidet, in welchem Format ein journalistischer Inhalt übermittelt wird, sondern die Frage im Mittelpunkt steht, welches Format das beste für eine Story ist. Ein Sportereignis will man in bewegten Bildern sehen, die gekonnte Analyse als geschriebenes Wort, ein Thema mit Erklärungsbedarf in einer anschaulichen animierten Grafik. Das Internet macht diese neue Form des Journalismus möglich.

Für den Journalisten heißt dies: Die Anforderungen steigen. Wer früher bei einer Zeitung war, schrieb; wer beim Radio arbeitet, baute Audio-Beiträge; war man beim Fernsehen angestellt, produzierte man Bewegbilder. Weil es diese Trennung im Internet nicht mehr gibt, müssen Journalisten zunehmend zu Generalisten der Formate werden. Nicht alle Journalisten müssen alles herstellen können. Denn guter Journalismus braucht auch in Zukunft die Spezialisierung. Immer wichtiger aber wird das Verständnis darüber, wie eine Story aufbereitet werden soll: mit einem Kamerateam, einem guten Schreiber oder durch einen Grafiker, der sich auf beeindruckende Animationen versteht.

Der Beruf des Journalismus gewinnt dadurch. „Es gab nie eine besser Zeit Journalist zu sein als heute “, sagt Briggs. Das klinge vielleicht komisch, so Briggs weiter, wenn man bedenke, wie viele Zeitungs-Journalisten seit dem Jahre 2000 ihren Job verloren hätten, aber noch nie habe es so mächtige Wege gegeben, Geschichten zu erzählen und den Leser mit Informationen zu versorgen. „Wer den Journalismus liebt, der liebt die Vielfalt der Möglichkeiten, die gestiegene Interaktion mit dem Publikum und das fast komplette Verschwinden der Beschränkung von Raum und Zeit.“

Samstag, 6. Dezember 2008

Meine Top 10

Eine persönliche Hitliste: Die besten Seiten des Jahres 2008

Die Gestaltung der Webseiten wechselt, die Technik schreitet voran, die Inhalte wandeln sich - über den Fortschritt des Internets informiert das Internet selbst. Aber auf welchen Seiten? Das Angebot ist schwer überschaubar. Hier meine persönliche Hitliste jener Webseiten, die ich in diesem Jahr für besonders interessant, hintergründig, merkenswert halte.

Wissen, was schön ist
Welche Webseite hat sich ein neues Outfit verpasst? Was macht ein schönes Logo aus? Welche sind die gruseligsten Internetseiten? Designtagebuch.de ist eigentlich ein Fachblog vor allem für Webdesign. Doch die Inhalte sind auch für Laien verständlich. Wer sich für Gestaltung im Internet interessiert, ist hier richtig.
Videotipp: Ein nachgerade sehr witziges Video über den Entstehungsprozess eines Logos

Papier-Qualität im Netz
Quantität gibt es genug im Internet. Aber an der Qualität mangelt es bisweilen. Die Pendants zur Qualitätszeitung im Printbereich entwickeln sich gerade erst. Ein hoffnungsvoller Ansatz dieser spannenden Entwicklung: carta.info. Carta ist ein Mehrautoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie. Übrigens: Carta leitet sich vom lateinischen Wort für Papier ab.
Lesetipp: "Brauchen wir mehr Staatsunternehmen?"

Deutschlands Top-Blogger
Welche Blogs sind die beliebtesten? Unter deutscheblogcharts.de werden wöchentlich die Top100 der deutschsprachigen Blogs präsentiert. Genauer gesagt basiert das Ranking auf einer Zahl, die angibt, welche deutschsprachigen Blogs wegen ihrer Inhalte besonders oft von anderen Bloggern verlinkt beziehungsweise zitiert werden. Die Nummer eins aktuell: basicthinking.de/blog.
Lesetipp: Einfach mal über das Ranking scrollen und beim ein oder anderen Blog vorbeischauen.

Youtube mit Anspruch
Wem Youtube zu lustig, zu kurzweilig, zu unübersichtlich ist, der sollte mal auf getdocued.net stöbern. Eine kleine, nicht wirklich hübsch gemachte Website. Aber auf ihr werden sehenswerte Dokumentationen und Dokumente der Zeitgeschichte gesammelt.
Videotipp: Die Rede von Barack Obama in der Wahlnacht

Besuch beim Useability-Guru
Wie funktioniert eine Website? Genauer gefragt: Wie sollte sie funktionieren? Wie gestaltet man eine Seite übersichtlich? Wie gibt man dem User Orientierung im Portal? Alle zwei Wochen klärt Useability-Guru Jakob Nielsen auf useit.com über die Geheimnisse guter Websites auf. Allein um sich das Layout seiner Seite anzuschauen, lohnt sich ein Besuch - obwohl von Layout man gar nicht recht sprechen will. Verständlich aber ist die Seite wie keine zweite, useable eben.
Lesetipp: "25 Years in Usability" - Nielsen schaut auf sein Berufsleben zurück

Zeitung im Internet
Weltweit gibt es tausende von Zeitungen. So unterschiedlich wie die Printausgaben, so verschieden sind auch ihre Onlineauftritte. Unter onlinenewspapers.com kann man nach allen suchen.
Stöbertipp: Die New York Times - ein Vorbild für die Zeitungsbranche weltweit.

Hinter den Bildschirm blicken
Kein Thema wird in Blogs ausführlicher behandelt, als das Internet selbst. In vielen Blogs geschieht das auch ziemlich gut. Besonders gut macht es netzwertig.com. Weil dort Neuigkeiten und Trends der Internetwirtschaft nicht nur aufgezeichnet, sondern auch analysiert werden.
Lesetipp: "10 Webdienste aus Europa, die die Musiklandschaft verändern"

Wissen was geht

Weniger hintergründig als netzwertig.com, aber sehr informativ: Golem.de - das wohl umfangreichste deutschsprachige Nachrichtenportal zur Digitalwirtschaft. Was hier nicht steht, hat nicht stattgefunden.
Kein Lesetipp, denn auf Golem bestimmt die Aktualität eines Themas das Interesse daran.

In Bewegung
Immer mehr Menschen filmen, weil filmen immer einfacher und billiger wird. Fast jedes Handy hat mittlerweile eine Aufnahmefunktion. Wer mehr können will, als den Record-Button auf seinem Mobilfunkgerät zu finden, ist auf der Seite slash.cam.de gut aufgehoben.
Lesetipp: "Die Top-6 Anfänger-Fehler beim Videofilmen"

Kontrolle für die Kontrolleure

Bildblog.de zeigt eine Stärke des Internets: die Aufklärung. Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis betreiben den Blog seit 2004. Und mit Hilfe der Hinweise vieler Leser decken sie auf, was die Bildzeitung Tag für Tag so treibt, was sie unter dem Deckmantel des Journalismus alles in die Welt setzt, an Halbwahrheiten und mehr. Sie kontrollieren quasi die Kontrolleure der Demokratie, die Medien. Bereits im Jahr 2005 haben sie dafür den Grimme Online Award erhalten. Heute ist der Bildblog lesenswerter denn je.
Lesetipp: Die Einlassungen von Bildblog über Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner, zum Beispiel hier

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Wer geht noch zu H&M?

Vom Volk für's Volk: Wie sich das Internet für Modemacher zum Segen entwickelt

Es klingt nach Klischee, aber die Statistik belegt: Frauen und Mode gehören auch im Internet untrennbar zusammen. Jede zweite Internetnutzerin informiert sich im Web über Mode, während der Anteil in der gesamten Nutzerschaft nur 33 Prozent beträgt. Insgesamt sind das in Deutschland 12,6 Millionen Menschen, doppelt so viel wie vor 4 Jahren.

Die Zahlen stammen aus der Allensbacher Computer- und Technikanalyse 2008. Und die Studie zeigt auch: Das Internet dient längst nicht mehr ausschließlich der Recherche. Von zehn Websuchen zu Kleidung und Schuhen enden sechs mit einem Kauf.

Noch vor einigen Jahren war Versandhandel lediglich mittels dicker Kataloge von Otto, Quelle und Co möglich. Doch die eigentliche Revolution spielt sich nicht beim Verbraucher ab, der statt Papier-Seiten zu blättern, sich jetzt durch Websites klickt. Der Versandhandel per Internet verändert vor allem die Unternehmerseite. Denn mittlerweile kann jeder Kreative zum Unternehmer werden. Neben den allgemeinen Handelsplätzen wie Ebay bilden sich spezielle Anbieter für Mode heraus. Länger als 30 Minuten braucht es nicht, um auf diesen Seiten sein eigenes Angebot einzustellen und anzupreisen.

Etsy aus den USA ist eine solche erfolgreiche Plattform. Nur Selbstgemachtes darf dort verkauft werden. Im vergangenen Monat wurden dort 4,2 Millionen Dollar umgesetzt. Für 2009 plant Etsy mit einem Jahresumsatz über 100 Millionen Dollar. Das ist mehr als bei Ebay mit solchen Produkten gehandelt wird.

In Deutschland gibt es ähnliche Angebote, zum Beispiel Dawanda. 25 000 Kreative bieten nach eigenen Angaben dort mittlerweile ihre Waren an, 150 000 Kunden sollen registriert sein. Zu sehen gibt es dort viele Unikate, von Filzpuschen und Schlafbrillen über Kinderkleidung, Handtaschen bis zu Püppchen aus Amigurumi, einer japanischen Häkeltechnik.

Für Künstler und Handwerker sind die Plattformen ein Segen, in mehrfacher Sicht. Sie sparen sich den Aufwand einen eigene Laden (real oder im Internet) zu betreiben. Sie haben praktisch keinen Marketing-Aufwand, weil die Portale selbst für die Aufmerksamkeit sorgen. Und die Werbung für die jeweiligen Produkte erledigen die User selbst, denn auf den Portalen können sie ihre Bewertungen hinterlassen und anderen zukommen lassen. Qualität und gute Ideen bekommen so positive Resonanz.

Die Portale beleben also das Geschäft, weil sie ökonomisch gesagt, die Hürden für den Markteintritt senken. Neue (vor allem kleine) Unternehmen fordern die alten (vor allem große) Firmen heraus. "Es geht nicht darum, dass Basteln wichtiger wird. Es geht darum, dass der Einzelne in eine direkte Konkurrenz mit dem Konzern treten und sich mit besseren Produkten auf dem Markt durchsetzen kann", hat Holm Friebe jüngst auf der Frankfurter Buchmesse gesagt, wo er sein Buch "Marke Eigenbau" präsentiert. Friebe vertritt darin die These, dass der bisherige "Konzernkapitalismus" durch eine Wirtschaftsform abgelöst werden könne, bei der Kleinunternehmer ihre Produkte Verbraucher anbieten, die ein Bedürfnis nach Ökologie und fairem Handel haben. Das Internet jedenfalls macht solche Wirtschaftsbeziehungen einfacher.

Die Modebranche ist dabei besonders geeignet für diese, von Friebe beschriebene, kleinteilige Wirtschaftsform. Denn Kleidung dient vor allem im Westen der Hervorhebung der Individualität. Massenprodukte taugen dafür nicht. Das Ende der Massenproduktion wird dies freilich nicht bedeuten. Denn erstens senkt die Massenfertigung Kosten. Zweitens hat Kleidung auch noch eine weitere, gegensätzliche Funktion: Keidung macht den Menschen auch zum Teil der Gesellschaft. Kleidung zeigt Anpassung. Das beste Beispiel ist der Herren-Anzug. Wer in trägt, zeigt Konformität.

Kleidung taugt also auch zur Massenfertigung. Ware von der Stange wird es deshalb weiter geben. Versandhändlern wie Otto braucht deshalb nicht bange sein. Zumal ihr Angebot längst auch im Internet zu kaufen ist - selbst die Bewertung durch den Kunden gehört bei Otto mittlerweile zum Standard.

Donnerstag, 20. November 2008

Nur das Fernsehen bleibt zu hause

Zeitenwende für den Computer: Warum sich fast alle Formen der Kommunikation auf dem Handy vereinen werden

Die Etappen des Misserfolges lassen sich in Fußballmeisterschaften messen. Spätestens zur WM 2006 in Deutschland sollte mobiles Fernsehen an den Start gehen. So hatten es die Macher prognostiziert. Handy-TV galt als Geschäft der Zukunft. Doch 2006 blieb es beim Versuch. Zwei Jahre später das gleiche Spiel: Zur Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich versprach man den Durchbruch. Es wurde wieder nichts. Die Gründe: Unausgereifte Technik, wenige Interessenten (trotz Fußball). Anfang diesen Monats dann das endgültige Aus: Das Konsortium Mobile 3.0 gibt die Lizenz zum Aufbau von Handy-TV an die Landesmedienanstalten zurück.

Handy-TV ist vorerst tot - zumindest das speziell für Handys entwickelte Format DVB-H. Neben technischen Problemen hat dies vor allem einen Grund: Fernsehen und Mobilität passen nur bedingt zusammen. Einen Spielfilm oder eine Dokumentation schaut man am liebsten zu hause auf dem Sofa, vielleicht noch im Zug; aber eben nicht in der Kneipe, nicht beim Warten auf den Bus oder auf dem Pausenhof. Viele Fernsehformate brauchen eine entspannte Umgebung und große Bildschirme. Fernsehen ist Freizeitgestaltung, gern auch im Jogging-Anzug.

Handy und Fernsehen müssen also erst noch zusammen finden und zwar in Form neuer Inhalte. Das Fernsehen wird sich den Bedürfnissen anpassen. Wie andere Mediengattungen auch. Denn eigentlich ist das Handy für fast jede Art der Kommunikation das ideale Medium: Man hat es immer bei sich, es überträgt Informationen innerhalb von Sekunden, es kann Töne, Bilder, Bewegbilder. Durch das Handy verschmilzt zunehmend, was früher getrennt war: Man telefonierte über das Festnetz, schrieb Briefe, las Zeitung, hörte Radio, schaute Fern - das Mobiltelefon aber bringt alle Formen in ein Gerät, one size fits all sozusagen.

Wer wissen will, wohin die Reise geht, sollte zwei Fragen strikt trennen: Was ist technisch möglich? Was ist inhaltlich gewünscht? Häufig nämlich werden technische Barrieren mit gewollter Gewohnheit verwechselt. Wir alle haben noch vor fünf Jahren unsere E-Mails nicht deswegen ausschließlich im Büro oder zu Hause am Schreibtisch gelesen, weil es die ideale Zeit oder der beste Ort war. Es fehlte an Alternativen. Weil es aber den Wunsch gibt, selbst darüber zu entscheiden, wann und wo wir kommunizieren, beinhalten heute immer mehr Handys eine komfortable E-Mail-Funktion. Wer also in die Zukunft blicken will, lässt besser alle heutigen technischen Beschränkungen beiseite. Weil was der Mensch sich materiell wünscht, er früher oder später meist auch erreicht.

Was aber geschieht bei der Vereinigung verschiedener Medienformate mit den Medienformaten selbst? Manche werden im wesentlichen bleiben wie sie sind: das Radio zum Beispiel. Denn Radio hört in der Regel nur, wer lediglich "die Ohren frei hat", wer etwa Auto fährt oder kocht. Technischer Fortschritt macht Radio hören zwar komfortabler (zum Beispiel durch digitales Radio), ändert aber nicht grundsätzlich seine Nutzung. Anders verhält es sich mit Medieninhalten, die vorwiegend über das Auge aufgenommen werden. Hier verschmelzen die Formate: Zeitungen und Fernsehen zum Beispiel wandern beide ins Internet. Aber nicht nur das: Auch die Trennung zwischen sozialen Netzwerken wie etwa Facebook oder StudiVZ auf der einen und Nachrichtenlieferanten wie Spiegel online, zoomer.de oder Südkurier.de auf der anderen Seite wird sich vermutlich auflösen. Noch sind dies zwei Welten, historisch bedingt. Auf News-Seiten legen Redaktionen quasi hoheitlich fest, welches Ereignis eine Nachricht wert ist und welches nicht. In sozialen Netzwerken machen das die User selbst. Was von Interesse ist, wird mitgeteilt und von anderen gelesen. Gemeinsam ist beiden, dass es um Nachrichten geht.

Der Unterschied liegt in der Qualität und Quantität. In soziale Netzwerken interessieren sich für die Nachricht eines Users (zum Beispiel wo dieser seinen letzten Urlaub verbracht hat) meist nur wenige; Nachrichten, etwa aus dem Lokalteil einer Zeitung, bekommen von mehr Menschen Aufmerksamkeit; die Zahl der Interessenten wächst bei nationalen und weltweiten News. Aber: Eine grundsätzliche Trennung zwischen Community- und Nachrichten-Welten gibt es eben nicht. Immer geht es um Interesse, Information, Neuigkeit.

Für die Zukunft heißt dies: Soziale Netzwerke und Nachrichten-Portale verschmelzen. Wo man sich mit Freunden austauscht, steht klickbereit das lokale Kinoprogramm. Daneben sind die regionalen und überregionalen Nachrichten zu lesen. Man wird wissen, welcher Freund sich für welche Nachricht interessiert, wer was gelesen, bewertet oder kommentiert hat. Und diese Informationen werden wiederum Auslöser für weitere Diskussionen sein. Die Nachrichten-Verschmelzung hat erst begonnen. Fest steht schon jetzt, wo sie vor allem stattfinden wird, nämlich auf dem Handy. Bei Facebook zum Beispiel explodieren gerade die Zugriffe von mobilen Geräten auf das Social Network: Nach Unternehmensangaben ist die Zahl der User, welche den mobilen Zugang nutzen, von 5 Millionen Anfang des Jahres auf 15 Millionen gewachsen.